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«„Ein Vergleich der Sinnbegriffe aus der Perspektive der Existenzphilosophie Albert Camus’ und der Sicht der Logotherapie und Existenzanalyse ...»

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Die Krönung all seines schriftstellerischen Schaffens und Engagements folgt 1957, als ihm am

10.Dezember der Nobelpreis für Literatur verliehen wird. Das Ereignis wird in der Familie Camus gefeiert, er reist mit seiner Frau nach Schweden um den Preis entgegen zu nehmen. Im Zuge der Feierlichkeiten werden Empfänge und Vorträge organisiert. Während eines Vortrages am 12. Dezember vor Studenten wird er wieder von einem Algerier angegriffen, da er noch immer nicht eindeutig für die Unabhängigkeit Algeriens plädiert. Camus verteidigt sich mit den berühmt gewordenen Worten: „Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber bevor ich die Gerechtigkeit verteidige, werde ich meine Mutter verteidigen.“18 Nach der Verleihung des Nobelpreises gerät Camus kurzfristig in eine Krise. Vom Nobelpreisgeld kauft er ein kleines Haus in Lourmarin, ein kleines Dorf in Südfrankreich. Er hofft, dort Ruhe von der Großstadt zu finden und an seinem neuen Roman arbeiten zu können. Er adaptiert Dostojewskis Roman „Die Dämonen“, der unter dem Titel „Die Besessenen“ erscheint. Zu den Weihnachtsfeiertagen 1959 hält sich auch seine Familie in Lourmarin auf. Michel Gallimard, enger Freund der Familie CaOliver Todd, Albert Camus - Ein Leben, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, S.754 mus und Neffe des Verlaginhabers Gallimard, besucht die Familie Camus’ mit Ehefrau Janine und Tochter Anne um den Jahreswechsel in Lourmarin zu begehen. Nach den Feierlichkeiten begeben sich Francine und die Kinder mit dem Zug nach Paris. Camus verzichtet auf die schon gekaufte Zugkarte und beschließt einen Tag später mit Gallimard in dessen Wagen nach Paris nach zu kommen. Auf der Rückfahrt am 4.Jänner 1960 kommt das Auto Gallimards von der Strasse ab und prallt gegen einen Baum. Albert Camus stirbt noch am Unfallort, Michel Gallimard stirbt ein paar Tage später im Spital.

Gallimards’ Frau und Tochter bleiben unverletzt. Nach seinem Tod erscheint eine Reihe von Nachrufen, sein Werk hat etliche Neuauflagen in vielen Sprachen durchlebt und trägt zu seiner Unvergessenheit bei.

Die ausführlichste Biographie Camus’ mit ausreichend Hintergrundinformationen, Berichten von Zeitzeugen und mit Berücksichtigung unveröffentlichter Briefe, Manuskripte und Notizen lässt sich bei „Albert Camus- Ein Leben“ von Olivier Todd nachlesen.19 Camus hat sich selbst mit seiner Biographie im Zuge des Romans „Der erste Mensch“ auseinandergesetzt. Da er vor Veröffentlichung des Romans starb, wurde das Werk unvollendet posthum 1994 publiziert. Trotz Unvollständigkeit sind seine Reflexionen über seine Jugenderfahrungen in Algerien in diesem Werk sehr beeindruckend.

Olivier Todd, Albert Camus – Ein Leben, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999

2.2 Versuch einer Legitimation des essayistischen Denkens Albert Camus’ Da sich Camus eher als Schriftsteller verstand und in seinen Essays bildhaft metaphorisch argumentiert, fehlt ihm eine strenge Begrifflichkeit. Das Fehlen dieser Begrifflichkeit und das Festhalten an metaphorisch-bildhaftem Denken lassen sich legitimieren, indem man den Inhalt seines Dramas „Das Mißverständnis“ analysiert.

Die Inhaberin einer Pension und ihre Tochter töten regelmäßig wohlhabende Gäste ihrer Pension, um an deren Geld zu kommen. Als eines Tages der Sohn nach jahrelanger beruflicher Abwesenheit heimkehrt, gibt er sich nicht als solcher zu erkennen. Er gibt sich nur als Gast aus, wird getötet und wird somit zum Mordopfer der eigenen Mutter. „Das Mißverständnis“ lässt sich als Appell zur persönlichen Stellungnahme und authentischer Aufrichtigkeit verstehen. In welcher Art und Weise Stellung bezogen wird, ist sekundär. Primär ist nur die Stellungnahme an sich. Ob diese bildhaft-metaphorisch erfolgt, oder in einem systematisch-analytischem Wortlaut ist zweitrangig. Hätte der Sohn sich zu erkennen gegeben, in welcher Weise auch immer, wäre er vermutlich am Leben geblieben. Die Ehefrau des Sohnes bringt es auf den Punkt: „Ein Wort hätte genügt.“20 Diesen Appell zur Stellungnahme greift Camus nach dem Zweiten Weltkrieg im politischen Sinne wieder auf, in dem er das Schweigen, also eine Verweigerung einer Stellungnahme, als Tolerierung der Verbrechen des Nationalsozialismus entlarvt. Wer schweigt macht sich mitschuldig! In einem

anlässlich der Nobelpreisverleihung gehaltenen Vortrag an der Universität Uppsala heißt es dazu:

„Wer nicht billigte, konnte oft schweigen oder von etwas anderem sprechen. Heute ist das alles anders, und selbst Schweigen bekommt einen gefährlichen Sinn!“21 Hier wird deutlich, dass Stellungnahme an sich, zur ethisch-moralischen Verpflichtung wird, in welcher Form diese stattfindet ist sekundär. Bei Camus ist diese moralische Stellungnahme eindeutig vorhanden – in essayistischer Form!

Die Priorität, die Camus den Bildern gegenüber Begriffen zuordnet, lässt sich nur nachvollziehen, wenn man sein Verlangen nach Aufrichtigkeit und Authentizität berücksichtigt. Camus geht es primär um Authentizität — für ihn sind Bilder authentischer als Worte. Jede Begriffsdefinition und jedes rigide Kategoriensystem gibt seiner Meinung nach, die Wirklichkeit nicht getreu wieder und birgt in sich die Gefahr der Verfälschung. Das gebildete Wort ist nicht identisch mit dem bezeichneten Gegenstand. Der Lebensvollzug schlechthin ist für Camus authentischer als jede Sprache, was er in seinem Essay „Hochzeit des Lichts“ wie folgt zum Ausdruck bringt: „Wie arm sind Menschen, die Mythen brauchen. Hier trifft man die Götter wie Ruhepunkte im Lauf der Tage. Ich sage: ‚Das Ding ist rot und jenes blau und jenes grün. Hier ist das Meer und dort das Gebirge, und dort sind Blumen.’ Wozu brauche ich von Dionysos zu reden, um zu sagen, wie gern ich Mastixkügelchen unter meiner Nase zerdrücke.“22 Albert Camus, „Das Mißverständnis“ in „Dramen“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, S.81 Albert Camus, „Der Künstler und seine Zeit“ in „Fragen der Zeit“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1997, S.229 Albert Camus, Hochzeit des Lichts - Impressionen an Rande der Wüste, Arche Verlag, Zürich-Hamburg 2000, S.11 An anderer Stelle in „Licht und Schatten“ erklärt Camus selbst: „….jedes Bild wird zum Symbol.“23 und in eine Tagebucheintragung appelliert er geradezu: „Man denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane“.24 Die Tendenz in Bildern zu denken entdeckt er auch bei anderen Schriftstellern und fasst seine und deren Wirkungsweise mit folgenden Worten zusammen: „Aber gerade die Entscheidung eher in Bildern als in Beweisführungen zu schreiben, offenbart ein gewisses Denken, das ihnen (anderen Schriftstellern wie Balzac, Sade, Melville, Kafka, Dostojevskij oder Malraux) gemeinsam ist, das von der Nutzlosigkeit eines jeden Erklärungsprinzips und von der lehrreichen Botschaft des sinnlich wahrnehmbaren Erscheinens überzeugt ist.“25 Ein wesentliches Argument für die Wahl der essayistischen Form liegt auch darin, dass Camus erkenntniskritisch und rationalitätskritisch ist. Für ihn ist die menschliche Rationalität zu beschränkt, um die Welt zu erklären und um zu allgültige Erkenntnis zu gelangen. Er verneint die Vernunft nicht absolut, sondern misst ihr Kompetenzbereiche zu, in dem er sagt: „Es ist vergeblich, die Vernunft absolut zu negieren. Sie hat ihren Bereich, in dem sie wirksam ist. Es ist genau der Bereich der menschlichen Erfahrung.“26 Camus war sich bewusst, dass endgültige allzeit geltende Erkenntnisse auf Dogmen beruhen und nicht mit dem Verstand zu erklären sind. In „Der Mythos des Sisyphos“ beschreibt Camus seine Denkungsart wie folgt: „Die hier definierte Methode bekennt sich zu dem Gefühl, dass jede wirkliche Erkenntnis unmöglich ist.“27 und „Mit Ausnahme der berufsmäßigen Rationalisten glaubt heute niemand an die wahre Erkenntnis. Wollte man die einzig bedeutsame Geschichte des menschlichen Denkens schreiben, so müßte man die Geschichte seiner fortgesetzten Korrekturen und seiner Ohnmachten verfassen.“28 Seinen Erkenntniszugang erklärt Camus mit dem Satz: „Das Herz in mir kann ich fühlen, und ich schließe daraus, dass es existiert. Die Welt kann ich berühren, und auch daraus schließe ich, dass sie existiert. Damit aber hört mein ganzes Wissen auf; alles andere ist Konstruktion.“29 Die kritische Haltung bezieht Camus nicht nur auf die Welt, sondern auch auf den Menschen, auf sich selbst: „Ich werde mir selbst immer fremd bleiben. In der Psychologie wie in der Logik gibt es Wahrheiten, aber keine Wahrheit.“30 Diese rationalitätskritische und erkenntniskritische Einstellung Camus’ bedingen den Bezug auf das unmittelbar Gegebene und damit die Ablehnung gegenüber der systematischen Begriffsdefinition der akademischen Philosophie. Camus bezieht sich nicht nur auf das unmittelbar Gegebene, er verwendet auch das unmittelbare Wort dafür.



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