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«Verfasser Andreas Linhart Angestrebter akademischer Grad Magister der Philosophie (Mag.phil.) Wien, im Mai 2008 Studienkennzahl lt. Studienblatt: ...»

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“Australian Indigenous peoples hit back!” 25.4.1 „Schuld und Schlauheit“ – E. A. Povinellis’ “The Cunning of Recognition” Mit dem vierten Kapitel, “Shamed States”, ihres viel beachteten Werkes “The Cunning of Recognition” stellte Elizabeth A. Povinelli, Professorin für Anthropologie an der University of Chicago, ihre Sicht einer neuen Intention der australischen Judikatur wie auch Rezeption bestimmter Teile der Bevölkerung dar: Schuld und Scham (vgl. Povinelli 2002: 153 - 185).

Die eigentliche Rezeption der indigenen Landrechtsbewegung in der Öffentlichkeit wie auch vor den Gerichten basierte, so Povinelli, nicht auf der Auseinandersetzung mit pluralen Rechtsvorstellungen der Indigenen, deren Normen und Vorstellungen bezüglich ihrer Landbeziehungen, sondern primär auf dem schuldhaften Eingeständnis historischen Unrechts und Scham über die

ehemaligen und aktuellen Leiden der indigenen Bevölkerung. Dieses „für die Geschichte Verantwortung übernehmen“ spiegelte sich auch im Kontext der Mabo und Wik Urteile wieder:

„In centering primarily on an analysis of the texts and contexts of Mabo and Wik decisions, I seek to understand the role that the discourse and affect of shame played in making an expansion of legal discriminatory devices seem the advent of the law of recognition or a rupture of older models of monocultural nationalism and the grounds for national optimism, renewal, and rebirth” (Povinelli 2002: 155).

Diese neuen Möglichkeiten im Feld der „rechtlichen Anerkennung“ blieben den im Landrechtsprozess eingebundenen Gruppen nicht lange verborgen. Sah sich das neue Australien, wie Povinelli meint, verpflichtet mit seiner Geschichte und dem alten „monokulturellen Nationalismus“ aufzuräumen, um sich in einer „nationalen Erneuerung und Wiedergeburt“ wider zu finden, nutzten indigenen Gruppen dies selbstredend, um auf eine vorherige Aufarbeitung der blutigen Flecken der Geschichten hinzuweisen. Durch die „schlaue“, explizite Anspielung auf die Verbrechen der kolonialen und staatlichen Autoritäten wurde gezielt Druck auf aktuelle Entscheidungsträger ausgeübt und damit ein System der „Landrechtsanerkennung“ auf Basis von Gerechtigkeit durch historische Wiedergutmachung entwickelt.

Die Anthropologin Veronica Strang berichtete beispielsweise von einem Treffen der indigenen Kowanyama im Alice-Mitchell National Park mit offiziellen Vertretern des Queensland National Parks and Wildlife Service. Bei diesem Treffen legten die indigenen Vertreter besonderen Wert darauf, den behördlichen Repräsentanten spezifische Orte von Massakern an Indigenen zu zeigen und ihre tiefe Betroffenheit darüber zu äußern. Diese neue Form der indigenen Identitätsfindung fasst Strang in einem “Raising the dead“ Konzept zusammen (vgl. Strang 2004: 9 – 23). Ganz

allgemein scheuten sich Indigene nicht, ihre Lebensbiographien mit denen jüdischer Überlebender des NS-Holocaust zu vergleichen:

„Increasingly, Indigenous people in Australia are drawing parallels between their lives and those of the survivors of the Jewish Holocaust and other genocides. (…) The social and political dynamics and effects of contact history remain a highly visible part of lived experience, and accounts of the violence and trauma of colonisation are vital elements in the battle to regain title to land” (Strang 2004: 22).

Die Frage nach der Instrumentalisierung von Opferrollen und einem so genannten “victimization syndrom“ wäre diesbezüglich zu stellen. Ohne die Leiden und Folgen der Unterdrückung zu relativieren, stellt sich doch die Frage inwiefern diese Opferrollen nicht erneut die Fortführung einer Deprivation, eines mangelnden Selbstbewusstseins und eines fehlenden aktiven Engagements prolongierten. Nicht aus historischem Schuldbewusstsein und schlechten Gewissen sollten staatliche Autoritäten indigenen Gruppen ihre Rechte zugestehen, sondern aufgrund deren faktischen Anspruchs auf diese Rechte, zum Schutze ihrer Kultur und Religion. Nicht ein ”good will“ durch Unrechtsbewusstsein sollte der Impetus einer minderheitengerechten Anerkennung pluraler Rechte sein, sondern die Akzeptanz gesellschaftlicher Realität. Dass die Anerkennung durch Schuld nicht langfristig zum indigenen Ziel führen sollte, darauf wiesen spätere Urteile in Landrechtsfragen hin. In der Aussparung argumentativer Begründungen eines indigenen Landrechtsanspruches, durch die Fixierung auf „Schuld und Sühne“, würden sich auch die Gerichte langfristig gesehen den Prinzipien des common law eher verpflichtet fühlen, denn der Aufarbeitung von historischen Ungerechtigkeiten. Dafür sollte allein die politische und gesellschaftliche Öffentlichkeit zuständig sein.

25.4.2. Die UN Declaration on the Rights of Indigenous Peoples

Die Verabschiedung der “United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples” durch die UN Generalversammlung im September 2007 wurde weltweit von vielen ExpertInnen als ein internationaler Meilenstein in der Anerkennung von indigenen Rechten gefeiert. Nicht wenige australische Indigene waren beim Zustandekommen wie auch der Formulierung der Deklaration mitverantwortlich. Les Malezer war Repräsentant des Global Indigenous Peoples’ Caucus, jenes Ausschusses, welcher für die Annahme der Deklaration innerhalb der UN verantwortlich war. Er schrieb auch die offizielle Stellungnahme des Ausschusses bezüglich des Beschlusses der Deklaration durch die Generalversammlung (vgl. IWGIA 2007).





In der Deklaration selbst fanden sich mehrere Parallelen zu Themen, welche auch im australischen Landrechtsdiskurs aufkamen.

Zur Illustration wäre hier speziell aus den Artikeln 11 und 26 zu zitieren:

„Article 11/1: Indigenous peoples have the right to practise and revitalize their cultural traditions and customs. This includes the right to maintain, protect and develop the past, present and future manifestations of their cultures, (…)” (UN 2007: art 11/1).

„Article 26/1: Indigenous peoples have the right to the lands, territories and resources which they have traditionally owned, occupied or otherwise used or acquired” (UN 2007: art 26/1).

Tragisch allein, dass Australien einer der vier Staaten war, welcher gegen die Deklaration stimmte - im Gegensatz zu 143 Staaten, welche sie unterstützten und dafür votierten. (vgl. UN 2007) Aber nicht nur im Global Indigenous Peoples’ Caucus waren australische Indigenenvertreter auf der globalen Bühne internationaler Organisationen vertreten. Auch im United Nations Permanent Forum on Indigenous Issues sitzt aktuell Michael Dodson, ein bereits hier erwähnter indigene Landrechtsaktivist, der ebenso an der Draft Declaration on the Rights of Indigenous Peoples mitgearbeitete hatte (vgl. UNPFII 2008).

25.4.3. “New Leadership” – Indigenous with Politick’s Die Etablierung indigener Führungspersönlichkeiten kam nicht von ungefähr. Fähigkeiten des „self-managements“ auch innerhalb indigener Gruppen hatten unvermutet Tradition. Bereits 1982 veröffentlichten die Anthropologen Peter Sutton und Bruce Rigsby einen Artikel mit dem Titel ”People with ‘Politicks’: Management of Land and Personell on Australia’s Cape York Peninsula“ (Sutton und Rigsby 1982: 155 – 171). Darin beschrieben sie, dass nicht wie allgemein angenommen wurde, indigene Gruppen keine formalen, politischen Strukturen aufwiesen, sondern sehr wohl über Formen eines Managements und eines Systems politischer Kontrolle über Land und dessen Ressourcen verfügten. Die von ihnen beobachteten indigenen Gruppen

würden keineswegs nur durch Tradition gelenkt und geführt. Die Vererbung von Rechten erfolgte nicht automatisch, Eigentum wurde nicht zwingend nur patrilinear übergeben und die Dreamtime und das traditionelle “law” blieben keinesfalls unhinterfragt (vgl. Sutton und Rigsby 1982:

155). Um die Kontrolle über bestimmte Landstriche aufrecht zu erhalten, wurden spezifische

Elemente politischer Einflussnahme angewandt. Land wurde so zu einer Währung:

„Aboriginal people use land not only for subsistence purposes but also as a resource or currency in politicks. Land may be offered to woo another group or individual, and groups and individuals may sometimes be motivated to shift territorially to seek relief from political pressure” (Sutton und Rigsby 1982: 163).

Diese Formen politischer Einflussnahme standen Pate für ein indigenes “new leadership” Konzept, welches seine Anerkennung durch die Berufung in die höchsten Instanzen internationaler Organisationen fand. Ihr Wissen um die Notwendigkeit eines indigenen Landanspruches und dessen Durchsetzung gegenüber nationalen Regierungen wollten sie nun auch auf internationaler Ebene weitergeben.

Das beschämende, auch von AnthropologInnen vorgebrachte Vorurteil, indigenen Gruppen fehle die politische Stratifizierung, um tragfähige Landrechtskörperschaften zu bilden, war auch Mitinitiator für die lange Zeit allgemein gültige Feststellung, die australischen „Naturvölker“ wären Getriebene ihrer Außenwelt und Marionetten ihrer eigenen traditionellen Zwänge. Das Konzept, welches Sutton und Rigsby vorbrachten, hätte möglicherweise in so manchem indigenen Landrechtsfall ein anderes Ergebnis zu Tage gefördert. Vielleicht wäre es an der Zeit - und möglicherweise auch als eine Quintessenz dieser Arbeit zu sehen - dass auch die Sozial- und Kulturanthropologie ein “We say sorry!“ äußert. Vielleicht entdeckt sie auch schon bald eine engagiert kritischere Seite von sich selbst und übernimmt aktiv Verantwortung für die Forderung nach einer gerechteren Aufteilung von Land und Ressourcen für alle Menschen und Kulturen dieser Erde.

Abstract (Deutsch)

Die indigene Landrechtsbewegung in Australien gilt international gesehen als Vorzeigemodell einer sich gegen koloniale Unterdrückung wehrende Widerstandsbewegung. Auch die von den Indigenen erkämpften bzw. von der Politik gewährten Rechte erscheinen in der Rezeption als vorbildlich und progressiv. In der Praxis jedoch wurden durch politische und juristische Winkelzüge in den verschiedenen Bundesstaaten lediglich partielle Landrechte gewährt, welche weder eine umfassende Lösung des Problems noch eine Aufarbeitung der historischen Ungerechtigkeiten darstellten. Dabei waren die indigenen Gruppen Australiens, welche heute immer noch gerne als Aborigines bezeichnet werden, durch die koloniale Invasion der britischen Krone schrecklichen Verbrechen ausgeliefert. Die physische Vernichtung durch Massaker und willkürlichen Tötungen als auch die sukzessive Enteignung ihres Landes waren zentrale Elemente eines kontinuierlichen Völkermordes. Von der frühen anthropologischen Strömung des Evolutionismus als „Primitive“ und Menschen der niedrigsten Entwicklungsstufe tituliert, wurde ein wissenschaftlicher Rassismus geprägt, der die Vernichtung der Indigenen relativierte und nicht verurteilte.



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