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«Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo ...»

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Transzendentale, das allen Seinsformen zugesprochen werden kann.811 Es scheint, dass in dieser Diskussion vor allem die Unterscheidung univok/äquivok, also homolog/analog von Belang ist. So lassen sich etwa die Prädikate F und G den Subjekten S1 und S2 auf homologe (univoke) Art, den beiden Subjekten S1 und S3 dagegen nur auf analoge Weise zusprechen. Das erlaubt uns, das fundamentale Problem von Whiteheads realistisch-idealistischer Theorie auf folgende Art zu formulieren: Die Kontinuität wird mit Begriffen wie ‚Verbindung’ (nexus) ‚Gesellschaft’, ‚Solidarität’ oder auch ‚Sympathie’ signalisiert, die alle in einem stark revidierten Sinn eingeführt werden. Whitehead ersetzt unter dem spürbaren Einfluss

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von Locke und Hume das reale Zusammentreffen von Partnern und Kontrahenden mit einer idealen togetherness von intentionalen Objekten („prehended objects“), seien diese nun primitiver Art oder nicht.812 Damit wird auf einen Schlag verständlich, warum zeitliche und ewige Objekte einfach als gegebene Daten ‚aus der Vergangenheit’ aufgefasst werden, die miteinander in keiner Weise kommunizieren und somit auch keine idealen ontologischen Typen für reale Geschehnisse in Natur und Kultur sein können. Es wäre in der Tat sonderbar, wollte man Daten einführen, die sich als etwas Abstraktes wie etwas Konkretes verhalten würden.

Was beim Gesagten im Vergleich zu einem traditionellen metaphysischtheologischen Standpunkt unbefriedigend ist, ist der hidden mysticism, d. h. die Tatsache, dass es kaum Prädikate gibt, die wörtlich verstanden werden können und univok (homolog) verschiedenen Realia zugesprochen werden können. einfacher ausgedrückt könnte gesagt werden, dass Whitehead nicht oder nur selten aus dem Kreis suggestiver Metaphern herauslangt. eine aktuale Entität (Gott miteinbegriffen) ist ‚irgendwie’ eine res vera, eine causa sui, eine „Kreatur“, eine quasi-rationale „Aktivität“, ein Teil eines Ganzen usw. Andererseits ist eine aktuale Entität nicht wirklich eine „wirkliche Sache“, und auch keine wirklich neue Sache, die gemeinsam mit Partnern neue Möglichkeiten hervorbringt, von sich selbst in einem wörtlichen Sinne „verursacht“ oder in einem wörtlichen Sinne „erschaffen“, da ja alles ‚irgendwie’ zusammenhängt und sei es nur in der intellektuellen Sphäre der „reinen Möglichkeiten“. Solches gilt es zu beachten, wenn die Prädikate „kreativ“, „aktual“, „potenziell“, „Ursache seiner selbst“ usw. Gott und anderen Aktualitäten zugesprochen wird. „Atom“ und „Kontinuum“ könnten als Extrema eines Gradienten aufgefasst werden. Ein konkretes Individuum in einer mittleren Position wäre dann in einem übertragenen Sinn ein ‚Gemisch’ der beiden Tendenzen, die durch die Pole markiert werden. Nun fragt sich, ob Atome und Kontinua auf derselben Abstraktionsebene stehen oder nicht. Von der Binnenperspektive her scheint das ganze den Teil zu transzendieren; von der Aussenperspektive her ist es

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dagegen der Teil, der das Ganze ‚verlässt’. Es kann nicht auf allgemeine Art bestimmt werden, was nun abstrakt und was konkret ist. Es kommt im Prinzip auf die Perspektive an (sei dies nun in der Theorie oder in der Praxis).

Nun ist das Gesagte nicht falsch zu verstehen. Whitehead stellt mit PR einen metaphysischen Entwurf vor und nicht eine wissenschaftliche Theorie. Als Metaphysiker darf sich Whitehead durchaus vage und suggestiv gebärden.

Metaphysik ist keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Das Problem ist nur, dass es sehr schwierig ist, zur Überzeugung zu gelangen, dass in PR und in anderen Werken rationale und empirische Hypothesen oder Erklärungen geliefert werden, wie das Whitehead und seine Schule offensichtlich meinen. Vorgängig sehen wir uns als theistische Philosophen dazu genötigt, die Welt zu vergeistigen oder zu ‚psychologisieren’ (wie das für unsere Hauptautoren typisch ist), damit in einer Welt aus Gedanken und Gefühlen Gott besser akkomodiert werden kann. (Zudem ist es einfacher, eine menschenähnliche oder zumindest menschenfreundliche Welt zu bejahen.) Dieses ‚höhere Ziel’ ist mit der gängigen instrumentalen Auffassung von Wissenschaft völlig unvereinbar, was keinesfalls heissen soll, dass geistige Ziele „schlecht“ oder „unnötig“ seien. Der Mittelweg zwischen der via negativa (im Mittelalter in Bezug auf Gott) und der via positiva (in der Neuzeit in Bezug auf die Natur) ist die via metaphorica oder die poetische Sicht der Dinge. Mit dem „verborgenen Mystizismus“ sollte auf ein solches poetisches, metaphorisches oder auch mythologisches Weltverständnis hingewiesen werden, ohne negativ darüber zu urteilen. Wenn wir mit unserer Kritik fortfahren, dann wird nicht die via metaphorica selbst, sondern lediglich die damit verbundenen Ansprüche auf ‚Wahrheit und Wirklichkeit’ ins Visier genommen. Dies tun wir, um den Begriff der Kreativität von uneinlösbaren Ansprüchen zu befreien, so dass an diesem zentralen Begriff festgehalten werden kann.

Es gibt ein Seiendes mit wirksamen und erkennbaren Bestimmungen. Wie dieses Etwas genau genannt wird, spielt keine Rolle. Ein ‚fliessendes Produkt’ kann ebenso gut als ein ‚sich zu etwas konkretisierender Prozess’ aufgefasst werden. „Prozessuale Produkte“ und „produktive Prozesse“ sind zwei äquivalente Arten, denselben Sachverhalt mit einem qualifizierten Substantiv auszudrücken. Die radikale metaphysische Alternative zum Paar thing/event (Emmet) oder process/product (Spencer) wäre nicht die Negation der Substanzialität (wie das Russell und Whitehead nahelegen), sondern die Annahme, dass es nur ‚subsistierende’ und existierende Bestimmungen gebe und weiter nichts. Diese zugegebenermassen

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psychologisch/intuitiv aufgebaut werden. Das Problem einer an Hume oder an Berkeley erinnernden Theorie besteht darin, dass angenommen wird, dass es da ‚irgendwo’ etwas gebe, das erklärt werden könne. Es wird also sotto voce eine intelligible Ordnung postuliert; gleichzeitig wird behauptet, dass diese Ordnung nur geistiger oder psychischer Art sei. Es herrscht dann bis Kant und darüber hinaus die sehr zweifelhafte Meinung vor, dass offene Fragen in Bezug auf ‚externe’ Sachverhalte mit Sätzen in Bezug auf ideale oder psychologische Kategorien

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epistemologsiche/psychologische Fragestellungen umgewandelt, indem behauptet wird, dass sich die Letzteren unabhängig von den Ersteren behandeln lassen (dies ist der erste grundsätzliche Irrtum) und darüber hinweggetäuscht wird, dass Problemkomplexe lediglich ‚von aussen nach innen’ verschoben werden, ‚wo Antworten darauf warten’ (der zweite grundsätzliche Irrtum). Niemand hat das so klar gesehen wie Bergson, für den Kant im Prinzip ein Platoniker ist.813 Wenn die Welt ‚aussen’ nicht erklärbar ist, dann ist sie es auch ‚innen’ nicht. Die Antwort, die ‚in’ Whiteheads Monaden auf die Frage nach dem Wesen der Welt wartet, heisst „Aktivität“, „Kreativität“ oder ganz einfach „Prozess“. Die Welt ist die gedachte Integration aller individuellen Wahrnehmungen und Werte bis zu einem gegeben Zeitpunkt. Nun kommen wir zum Kern des Problems. Die Unklarheiten in Bezug auf die Kreativität sind auf eine logisch-sprachliche Schwierigkeit zurückzuführen, mit der die Metaphysik allgemein zu kämpfen hat. Wenn wir ein explanandum mit einer Siehe Bergsons konzise Kantkritik in 1938, 220 – 223 und 1941, 356 – 361 – Cf. Badi 1960, 87 f., 106, 117 (zu Kant und Bergson) davon abstrahierten Eigenschaft als explanans zu erklären suchen, ergibt sich notgedrungen eine petitio principii (weil der „angenehm süsse“ Geschmack einer Melone nicht mit sich selbst qua Abstraktum begründet werden kann). Wir beschränken uns auf einige notorische Beispiele: auf die Zeit, auf die Kreativität, auf das Sein, auf das Werden. Man stelle sich ein beliebiges natürliches oder historisches Ereignis vor und hebe geistig den Aspekt der Zeit hervor. Wir sind uns gewohnt, die Zeit als ein aktives Subjekt anzusehen („Die Zeit heilt alle Wunden“, „Kommt Zeit, kommt Rat“). Wenn wir als Philosophen den Zeitaspekt verabsolutieren und ihn als „Prinzip“, „Kategorie“ oder vielleicht auch als „Transzendentale“ dem fraglichen Ereignis überordnen, schaffen wir uns auf künstliche Weise einen Ersatz für das gesuchte oder fehlende explanans. Das Künstliche an diesem Verfahren wird besonders in einer platonischen Sprechweise deutlich: „Das Ereignis E ist zeitlich, weil ihm die Zeitlichkeit oder die Idee der Zeit innewohnt“. Was dabei unterschlagen wird, ist der Abstraktionsvorgang, der erst zu Begriffen und Ideen wie jener der Zeit führt. Tatsächlich gelangen wir mit der platonischen Deutung nicht über eine phänomenologische Kategorisierung hinaus.814 Eine Idee ist nichts weiter als ein Ordnungs- oder Selektionskriterium, das auf relevante Phänomene angewendet wird. Es ist nicht schwer, diese Überlegungen in Bezug auf die Kreativität anzustellen: „Der Prozess P ist kreativ, weil in ihm das Prinzip der Kreativität wirksam ist“. Metatheoretisch (also rein rational) gesehen, ist die explanatorische Kraft von Whiteheads Kategorie „Kreativität“ gleich Null. Diese Feststellung leugnet natürlich nicht die suggestive Kraft von Begriffen wie ‚Geist’, ‚Energie’, ‚Harmonie’ oder ‚Kreativität’, welche die philosophische Fantasie beleben. Ein Philosoph ist dazu aufgefordert, Mensch, Natur und Gott zu reflektieren und auf spekulative Art miteinander in Verbindung zu bringen, mit Analogien zu experimentieren und an teleologischen Argumenten festzuhalten. Es sind ja gerade solche alternativen Diese Kritikpunkte wären auch auf Bergsons Zeitbegriff anwendbar, auch wenn Bergson für sich nicht beansprucht, mehr als Introspektion oder Phänomenologie zu betreiben. Es geht ihm im Wesentlichen um die Rettung des Phänomens „Leben“, nicht um dessen Erklärung.

Sichtweisen, die das breite Publikum interessieren und mit welchen die Philosophie viele aufrichtige Freunde gewinnt.

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Missverständnisse in Bezug auf Bergsons Philosophie aus dem Weg zu räumen, die sich aus einem ungenügenden Verständnis der Metaphysik ergeben.



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