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«Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo ...»

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Bei Whitehead und anderen evolutionistischen Philosophen sind es der Ursprung und die Kontinuität des Ganzen, die Einheit stiften und das Gefüge der Natur stützen. Im Gegensatz zu Spinoza und Bradley hypostasiert Whitehead nicht einen abstrakten Einheitsbegriff, der auf den klassischen Substanzbegriff zurückzuführen ist. Die Kritik, die Whitehead nach Spinoza auch gegen Bradley richtet, spielt Siehe dazu Dewey 1987, 71 (84) – Wie man sieht, ist der Schritt zu einem psychophysischen Parallelismus ohne Interaktion nicht mehr gross. - Dies wäre auch eine mögliche Interpretation des Verhältnisses von absoluter und relativer Erfahrung bei Bradley, wenn es gelingt, die Wendung „verwirklichen sich gegenseitig“ in Bradleys Sinne atemporal zu fassen.

554 Der Einfachheit halber sprechen wir so, als würde es sich bei Aristoteles und Whitehead um ‚absolute’ Formen ‚neben’ den Substanzen handeln. Formen sind nur in einem theoretischen Kontext Entitäten. Diese leichte platonische Verschiebung kann erst in § 24 korrigiert werden.

demgemäss auf die Dominanz des gewohnten (aristotelischen) Prädikationsschemas an:555 According to Bradley, the ultimate subject of every judgment is the one ultimate substance, the absolute. Also, according to him, the judging subject is a mode of the absolute, self-contradictory if taken to be independently actual.

For Bradley, the judging subject has only a derivative actuality, which is the expression of its status as an affection of the absolute. (…) Im nächsten Satz folgt wie im anderen Zitat zu Spinoza die Erklärung, dass es darum gehe, die Verhältnisse umzudrehen, so dass dem „judging subject“ (allgemein den individuellen Modi oder Entitäten) einen angemessen ontologischen Status zugesprochen werden kann. So wird das versinkende Selbst aus dem Meer des

Absoluten gefischt:

In the philosophy of organism, an actual occasion (…) is the whole universe in process of attainment of a particular satisfaction. Bradley’s doctrine is simply inverted. The final actuality is the particular process with its particular attainment of satisfaction [der aristotelische Begriff dafür wäre Entelechie].

Nun markiert Whitehead seine Position wieder mit dem Stichwort „solidarity”.

Dieser Ausdruck wird als Alternative zur systematischen Bezeichnung (bzw. zum Begriff) „relativity“ verwendet (dabei klingt auch die Idee der Sympathie an). Bereits im Anschluss an das wiedergegeben Zitat zu Spinoza umschreibt Whitehead den relativistischen Einheitsgedanken mit der Wendung „the obvious solidarity of the world“, was dort als Alternative zu Spinozas objektiver Totalität zu verstehen ist.556 Es geht also keineswegs darum, den Totalitätsgedanken preiszugeben, vielmehr gilt PR, p. 200 (Whitehead bezieht sich auf Bradleys Urteilstheorie in The Principles of Logic). Dieses längere Zitat wird im Folgenden in drei Teile aufgeteilt.

556 PR, p. 7 es, diesen anhand von Whiteheads philosophischen Prinzipien der durchgehenden

Relativität und Subjektivität zu ‚reformieren’:

The actuality of the universe is merely derivative from its solidarity in each actual entity [d. h. es gibt keinen externen Standpunkt auf das Ganze]. It must be held that judgment concerns the universe as objectified from the standpoint of the judging subject. It concerns the universe through that subject.

Damit gibt Whitehead die Vorstellungen einer „absoluten Objektivität” und einer „absoluten Wahrheit” auf. Wahrheit und Wirklichkeit sind im exakten Sinn von Whiteheads Prehensionstheorie „relativ“. Dies mag der Grund sein, weshalb einige Autoren Whitehead im Sinne des Postmodernismus lesen möchten (Griffin, Ferré, Allan u. a.). Ob dies einen Gewinn bringt, sei dahingestellt.

Dialog zur Erkenntnis. Whiteheads naturphilosophische Schriften sind nicht nur wegen dem latent in ihnen enthaltenen Einheitsgedanken interessant, sondern auch wegen erkenntnistheoretischen Überlegungen, die als Kritik von Bradleys Erkenntniskritik gelesen werden dürfen.

Eine naturphilosophische Betrachtung beschränkt sich nach Whitehead auf das, was sich der Beobachtung („sense-awareness“) eröffnet.557 Der Begriff ‚Natur’ steht für einen komplexen Erkenntnisgegenstand („complex fact of knowledge“) bestehend aus realen Termen und Relationen.558 Nur ist die „erscheinende Welt“ immer ein Ganzes, das in einem Aneignungsvorgang zu Termen und Relationen „diversifiziert“ wird. Das ist nicht dahingehend zu verstehen, dass Terme und Relationen nachträglich in die Natur ‚hineingelesen’ werden. Adäquate theoretische Unterscheidungen verlaufen entlang natürlicher Strukturen, sie sind sozusagen in der Realität vorgezeichnet (diese Auffassung ist mit jener von Bradley vergleichbar).

Unter dem Titel „the diversification of nature“ skizziert Whitehead in PNK den Weg

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Ibid., 46: „fundamental entities“ und „fundamental relations“ von der ursprünglichen Einheit zu einer Vielheit von korrelierten Entitäten, welche uns in der Wahrnehmung gegenwärtig ist:559 Our perceptual knowledge of nature consists in the breaking up of a whole which is the subject matter of perceptual experience (…) This whole is discriminated as being a complex of related entities (…) This process of breaking up the subject matter into a complex of entities will be called the

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Whitehead stellt sich eine Analyse als ‚sanften’ Differenzierungsprozess ohne begriffliche Verzerrungen vor. Es ist nun höchst interessant zu sehen, dass Bradley bereits in Appearance and Reality genau das Gleiche sagt, nur ‚von der anderen Seite’ her, d. h. er bewertet im Rahmen seiner theoretischen Voraussetzungen die Diversifikation der Realität anders. Es liegt somit kein Gegensatz in der Sache vor.

Sehr aufschlussreich ist auch die Tatsache, dass Bradleys „andere Seite“ scholastischspinozistische Züge trägt. Das Absolute wird als Kongruenz der Kategorien „Essenz“ und „Existenz“ verstanden. Nach mittelalterlichem Verständnis wäre Bradleys „Absolutes“ allein wegen dieser Kongruenz nichts weiter als ein Synonym für Gott.

Auch wenn Bradley nicht so weit wie Thomas von Aquin oder Spinoza geht, so ist doch bei der Lektüre seiner Texte nicht zu übersehen, dass seine metaphysischen Versuche weit über eine psychologische Philosophie hinausgehen. Durch die negative Folie von Bradleys Philosophie zeichnet sich die Silhouette von Whiteheads Metaphysik ab. Es lohnt sich deshalb, eine dieser ‚spinozistischen’ Stellen wiederzugeben. So schreibt Bradley in seinem Hauptwerk:560 The essence of reality lies in the union and agreement of existence and content, and, on the other side appearance consists in the discrepancy of these two aspects. And reality in the end belongs to nothing but the single Real. For take

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anything, no matter what it is, which is less than the Absolute, and the inner discrepancy at once proclaims that what you have taken is appearance. (…) The ‘what’ and the ‘that’ are plainly two sides which turn out not to be the same, and this difference inherent in every finite fact entails its disruption. As long as the content stands for something other than its own intent and meaning, as long as the existence actually is less or more than what it essentially must imply, so long we are concerned with mere appearance, and not with genuine reality.

„Yes, that’s how it is, in a way”, würde Whitehead Bradley im Gespräch wohl antworten. Da gebe es ein extensives Kontinuum, das man als „single Real” ansprechen könnte (vorausgesetzt man verwechselt nicht „real“ mit „actual“), das sich aus sich heraus ständig erneuert und übersteigt. Der Ort dieser Erneuerung wäre eine „multiple Wirklichkeit“, nämlich jene der Existenzfaktoren, von Whitehead meist „actual occasions“ genannt. Wenn wir die Thesen von James und Bradley zusammenziehen, dann gelangen wir zum Satz „Reality is many-in-one“. Bei Whitehead liegen nicht zwei Stufen der Wirklichkeit vor, sondern zwei komplementäre Aspekte eines Ganzen; damit rettet er die Rationalität vor der Mystik (um es etwas plakativ zu formulieren). Damit soll gesagt werden, dass Wissen und Wirklichkeit parallel gehen (vide Parmenides und Platon): wenn wir die Wirklichkeit in zwei Bereiche aufspalten, dann trennen wir parallel dazu ein ‚höheres’ von einem ‚niedrigeren’ Wissen ab. Das hätte zur Konsequenz, dass wir als Philosophen nur der Philosophie (als Logik oder Metaphysik) den Status einer ‚echten’ Wissenschaft zusprechen dürften; die ‚niederen’ (empirischen) Wissensformen wären sub specie philosophiae Pseudowissenschaften. Es ist zweifelhaft, ob Bradley dies unterschreiben würde, selbst dann, wenn diese Einschätzung seiner neueleatischen Philosophie entspricht. Bradleys Denken ist zwar skeptisch und erinnert entfernt an die Mystik, aber insgesamt ist sein Philosophie ‚zu wenig religiös’. Für Bradley entfällt der Grund, die Wissenschaft zugunsten der Religion zu entwerten (dieses Motiv ist bei ihm nicht erkennbar). Descartes, Spinoza, Leibniz und Berkeley ging es ebenfalls nicht um die Entwertung der Wissenschaft, sondern um die Aufwertung der Religion respektive der Metaphysik, welche den Gottesglauben mit Argumenten festigen sollte. Es ist ungeheuer wichtig, das zu sehen, denn der angebliche „Immaterialismus“ bei Leibniz und Berkeley ist eher als Phänomenalismus denn als monistischer Spiritualismus zu verstehen (epistemologisch statt ontologisch). Wäre dem nicht so, dann sähen sich die genannten Autoren gezwungen, aus ethischen/religiösen/philosophischen Gründen systematisch gegen die Wissenschaft (vorab gegen Newton) vorzugehen, was sie als kluge Köpfe natürlich gar nicht erst versuchen. So sieht der ideologische Hintergrund aus, der die „Realdistinktion zwischen Physik und Metaphysik“ motiviert und nolens volens die Anerkennung der materiellen Phänomene mit sich führt.

Die Zeiten haben sich geändert – aber nicht so stark, wie gewöhnlich angenommen wird. Bereits Platon hatte Mühe, am naturphilosophischen System des Demokrit unbeschadet vorbeizusegeln (seine Konzessionen an Demokrit im Theaitetos und im Timaios sind beeindruckend). Umgekehrt war es Demokrit nicht möglich, sich mit dem Kreis um Sokrates zu identifizieren, denn als gewissenhafter Wissenschaftler konnte er Anaxagoras’ Kosmologie nicht einfach in den Wind schlagen. Noch schwieriger war es, sich im 17. Jahrhundert gegen Newton zu stellen, da die Sprache seiner Naturphilosophie nunmehr die Mathematik war. Was Anaxagoras eingeleitet

hat wir durch Newtons Physik bekräftigt und durch Descartes nochmals bestätigt:

expliquer le matériel par le matériel und expliquer le spirituel par le spirituel (wie wir frei nach Emile Durkheim sagen dürfen). Dieses doppelte Motto darf wahrscheinlich auch für Bradley gelten (es gilt in dubio pro reo).



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