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«Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo ...»

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Die Entscheidung für das Gute ist ein rationalistischer Machtspruch, der auf einer ästhetischen und aristokratischen Sicht der Dinge beruht, wie sie für die alten Griechen und für moderne Philhellenen typisch ist (vide Platon und Pythagoras). Der Logos ist im Unterschied zum Mythos optimistisch. Das Gute verbirgt sich bei Bradley in der absoluten Forderung nach Widerspruchsfreiheit. Dieses absolute Moment ist mit der menschlichen Grunderfahrung in keiner Weise vereinbar – der Mensch ist widersprüchlich. Bradleys Intuition sagt ihm, dass die conditio humana nicht die ganze Wirklichkeit sein kann, es muss – annähernd im Sinne von Jaspers ein Umfassendes geben, das den Irrtum und das Leid transzendiert.

Weiter ist zu beachten, dass Bradley kein transzendentes Prinzip kennt. Die Wirklichkeit ist an sich ein widerspruchsfreies Ganzes ohne disparate Teile und ohne fragwürdige ‚Randbereiche’ (wie bei Whiteheads Gottesbegriff). Die Immanenz und die Neutralität in Bezug auf Gut und Böse deuten auf eine pantheistische Tendenz in Bradleys Denken hin, die allerdings nie ganz zur Entfaltung kommt. Um dies zu verdeutlichen, bedienen wir uns folgender Metaphern: anstatt vom „Absoluten“ und endlichen „Erfahrungszentren“ zu sprechen, wählen wir die Metaphern „Gott“ und „die Gedanken Gottes“, die wir bei Bradley eben nicht wörtlich nehmen wollen. Mit diesem kleinen Kunstgriff können wir das Verhältnis von Endlichkeit und Unendlichkeit bei Bradley mit den folgenden klaren Worten von Al Ghazālī erhellen:438 All things have two aspects, one in respect of themselves and the other in respect of their Lord. Considered as themselves, they are non-existence [appearance], but considered under the divine aspect, they are existent. So there is nothing truly existent except God (...) [Reality]. Thus all things are perishing Al Ghazālī, zit. in: Zaehner 1957, 157 save His face for all eternity [der Weltprozess nach Whitehead, zu dem auch

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Dank dieser Ausdrucksweise wird das Verhältnis vom Absoluten zum Relativen bei Bradley klarer. James und Bergson sind in diesem Kontext nie an diesen für die Philosophie fundamentalen Punkt gelangt (sie hätten beide gut daran getan, sich bezüglich des Relativen und des Absoluten mehr auf Spencer zu besinnen).

Whitehead wird ihm im Rahmen seiner Prozessphilosophie eher gerecht. Es gibt ein inneres und ein äusseres Sein, das wir „Wirklichkeit“ und „Erscheinung“ nennen können; die Wirklichkeit hat demnach eine ‚private’ und eine ‚öffentliche’ Seite. Um die Sache auf einen einfachen Nenner zu bringen: Die metaphysische Kardinalfrage lautet nicht mehr „Was?“, sondern „Wie?“. Es stehen nicht mehr vereinzelte Substanzen im Vordergrund, sondern vielmehr Zusammenhänge von Dingen, die primär als Phänomene aufgefasst werden.

Damit beantwortet sich auch die Frage nach dem Pantheismus bei Bradley. Die populäre Frage „War Bradley ein Pantheist?“ müssten wir mit dem Zusatz verneinen, dass sich diese Frage bei Bradley so nicht stellt. Es kommt immer auf den Blickwinkel oder auf die Perspektive an. Der philosophische Pantheismus ist eine (theoretische) Deutung aus der bottom-up-Perspektive, welche bei Bradley, Whitehead und anderen bei endlichen Erfahrungszentren ansetzt. Sie nähert sich vielleicht der Wirklichkeit irgendwie an, aber sie koinzidiert nicht mit ihr. Theorie bleibt Theorie, selbst wenn sie einer tiefen Intuition folgt.439 Es ist unvermeidlich, dass Bradleys Skepsis und Kryptomystizismus vom Selbsteinschluss bedroht werden. Bradley hätte die Grösse gehabt, diesem Votum beizupflichten.

Ungefähr so könnten wir uns Bradleys unausgesprochene Bergsonkritik vorstellen. Diese Kritik liesse sich auch an die Adresse Spinozas (und Hegels) richten. Bergson könnte Bradley recht locker entgegnen, dass die skeptischen Argumente Bradleys Theorie mit Theorie kritisieren, und nicht darüber hinaus zum „kumulativen Charakter der Zeit“ reichen würden. Die Leugnung der Zeit (Wandel, Wachstum) bei Bradley und bei McTaggart würde dann auf einer Art theoretischer Selbsttäuschung beruhen.

Wenn es ein umfassendes Subjekt gibt, kann man nichts darüber sagen. Das schliesst dessen Existenz keineswegs aus, nur liegt deren Ergründung nicht mehr im Bereich philosophischer Reflexion.

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In seiner Gedenkrede441 bezeichnet Josiah Royce seinen verstorbenen Kollegen James als „ethischen Idealisten” und erwähnt einige Jahre später in einer Vorlesung in Harvard dessen Hang zur Polemik.442 Damit berührt Royce ein Problem, das nicht nur bei James zu finden ist: die Verbindung von Ethik und Polemik. Bereits in der griechischen Philosophie bestimmen ethische und polemische Intentionen die Konstruktion und Verbreitung metaphysischer Theorien. Auch wenn wir allgemeine Zusammenhänge zwischen Theorie und Praxis anerkennen müssen, so heisst das noch lange nicht, dass ein ethisches Motiv in der Metaphysik ein stichhaltiges Argument abgibt. Als Metaphysiker können wir nicht a priori eine wechselseitige Beziehung zwischen Ethik und Metaphysik postulieren, da Gegenstand und Methode der Metaphysik parallel zueinander zu entwickeln sind, und durchaus nicht a priori feststeht, was ‚Wirklichkeit’ ist und mit welcher Methode nun über diese ‚Wirklichkeit’ nachgedacht werden soll.443 Diesbezügliche Aufklärungen ergeben sich erst im Laufe der Untersuchung. In der Ethik setzen wir dagegen immer eine Realität voraus, sei es nun die Natur oder die menschliche Gesellschaft. Die Verbindung von Ethik und Polemik ist ein starkes Indiz für eine religiöse Russell 1966, 146 „William James and the Philosophy of Life“ (1911), in: Royce 1912, 3 - 45 442 Royce 1998, 272 443 Dagegen ist es sinnvoll, sich vorab ein grobes Bild von den philosophischen Disziplinen und deren möglichen Beziehungen zu machen, wie das in § 4 getan wurde.





Grundhaltung. Damit soll nicht gesagt werden, dass ethische und politische Überzeugungen ‚unwichtig’ oder gar ‚überflüssig’ wären – genau das Gegenteil ist der Fall! Hier wird lediglich von einer theoretischen Warte aus argumentiert.

Aus der Art seiner Kritik an Spencer, Hodgson, Bradley und anderen wird deutlich, dass James’ Motive ethischer und religiöser Art sind. James lehnt jede Art von Agnostizismus (Spencer, Huxley u. a.), Materialismus und Determinismus (Hodgson, Clifford u. a.) kategorisch ab, da diese Auffassungen seinem Charakter und seinem spiritual self zutiefst widersprechen.444 James sah in Bradley einen Intellektualisten, Agnostiker (in Bezug auf Gott und die Welt) und einen Deterministen à la Spinoza. Seine Kritik kreist vorwiegend um Bradleys Argumente gegen Relationen, wie das auch bei Russells und Moores Bradleykritik der Fall ist.445 James ist in seiner Kritik gegenüber Bradley und Spencer nicht immer fair und adäquat, dafür aber immer geistvoll und engagiert (immerhin mässigt er in SPP seinen Ton gegenüber den genannten Philosophen merklich). Das kann man von James Ward, der mit James befreundet war, wahrlich nicht sagen. In Spencers und Bradleys Stellungnahmen446 zu kritischen Artikeln und Kapiteln von Seiten Wards drängt sich uns der Eindruck auf, Ward habe entweder die von ihm kritisierten Texte nicht gründlich genug gelesen, oder deren Gedankenführung nicht verstanden, oder Spencer und Bradley ganz einfach aus persönlichen oder ideologischen Gründen bekämpft. Keine der drei Alternativen ist sehr schmeichelhaft; die letzte ist ein besonderes Problem, über das Philosophen nicht gerne sprechen. Denselben Siehe PP/I, chap. V (Huxley, Clifford u. a.), EPs, p. 38 ff. und Perry 1935/I, 480 (Spencer), 614 (Hodgson) und 1935/II, 644 f. (Determinismus) und 655 f. (Brief an Ward); cf. Sprigge 1993, 228 ff.

445 J. Wards und G. E. Moores Spencerkritik (um 1900) sind besonders krasse Beispiele ethisch-religiös motivierter Polemik. Diese tendenziöse Art zu argumentieren verfängt besonders in jenen Kreisen, die sich als besonders „rational“, „realistisch“ und „wissenschaftlich“ herausstellen möchten. Es sind eben jene Kreise, die sich auch heute noch einbilden, mit ein paar grossartigen Sätzen die Theorien von Bergson, Whitehead und anderen erledigen zu können. – Was man aus einer ethisch und religiös motivierten Kritik im guten Sinne alles machen kann, ist bei J. Royce und D. G. Ritchie deutlich zu sehen. Kritische Schärfe und literarischer Witz verbinden sich bei Santayana auf glückliche Weise.

Auch Bradley ist von diesem Niveau nicht weit entfernt.

446 Siehe Spencer 1904, Appendix C (zu Ward); Bradley 1914, 192 ff. und 1935/II, 681 ff.; weiter 402 ff.

und 377 nota 1 – Bradleys ausführliche Replik endet mit den Worten: „ … a controversy which (so far as I can judge) is wholly futile.“ (ibid., 692) Eindruck hinterlässt auch Wards pauschale Kritik von James´ Psychologie, die gelinde gesagt höchst einseitig ausfällt.447 Wenn auch immer wieder brillante Kritiker auftreten (man denke etwa an Schlick, Cassirer, Dewey, Lovejoy oder an den zu Unrecht vergessenen Vater von Wilfrid Sellars), so ist doch nicht von der Hand zu

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schwerwiegenden deontologischen Problem zu tun haben, nämlich mit dem problematischen Verhältnis von Philosophie und Weltanschauung (was auch James betrifft). Wenn Philosophen, die sich einbilden, besonders scharfsinnig zu sein (und deshalb historischer Kenntnisse angeblich nicht bedürfen), gegnerische Positionen travestieren und mit einem lächerlichen Etikett versehen, um dann vor dem applaudierenden Publikum darüber zu triumphieren, dann gilt es, dezidiert Abstand von solchen Praktiken zu nehmen (in jüngerer Zeit wäre K. R. Popper ein vielbeachtetes Beispiel). Es wäre für die Ethik philosophischer Diskurse von grossem Nutzen, wenn die folgenden Worte Spencers (contra Ward) endlich auf ein Echo stossen würden:448 So far as I have observed, he has throughout followed the course which generally characterizes controversy – that of setting up men of straw and

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Im Hinblick auf Whitehead ist James’ Auseinandersetzung mit Bradley von einigem Interesse, da beide die Bedeutung von Relationen für die Metaphysik hervorheben. Dabei geht es beiden um die Kontinuität der Erfahrung. In diesem Sinn unterscheidet James auch percepts und concepts: Wahrnehmungen sind konkret und kontinuierlich, Begriffe dagegen abstrakt und diskontinuierlich.449 Die Betonung dieses Unterschieds ist für Denker im Wirkungskreis von Bergson typisch. Wir Cf. Perry 1935/II, 56 f. - Siehe auch Wards charakteristische Wortwahl in Briefen an James auf den Seiten 647 / 649 / 653 : „absurd“, „perplexity“, „nonsense“ usw.



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