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«Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo ...»

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161 Hodgson 1898/I, 41 (37) 162 Solche und ähnliche Überlegungen ergeben sich beinahe von selbst - sie gehören zum mythologischen Erbe der Menschheit. Möglichst viel nehmen und wenig geben ist eine ethische Deformation des Industriezeitalters.

angesehen werden, wenn damit nicht ein Kausalverhältnis gemeint wäre. Da James und Whitehead eben ein solches Kausalverhältnis zwischen thoughts oder zwischen feelings meinen, bei dem die entstehende Aktualität dazu ‚veranlasst’ wird, vorangehende Gehalte zu ‚replizieren’, kann nicht wirklich von einer „Dialektik“, „Wechselwirkung“ oder „Überlagerung“ gesprochen werden, es sei denn, wir begnügten uns mit Metaphern. Bei einer echten Wechselwirkung benötigen wir theoretisch zwei Terme im Hinblick auf einen dritten Term (Zeit, Ort, Feld, Medium, Ziel, Situation; Gott, Formen und Werte bei Whitehead). Man bedenke: reale Sachverhalte sind soziale Sachverhalte, und soziale Tatsachen sind mindestens dreigliedrig (in diesem abstrakten Sinn besteht die Wirklichkeit wirklich aus Dreiecken, wie es im Timaios steht). Ohne ein Drittes gibt es kein Zweites, und ohne ein Zweites gibt es kein Erstes (frei nach Peirce). Das „Ich“ definiert sich zu einem „Du“ und zu einem „Es“ (zu einem tertium comparationis), wobei das „Es“ nicht einfach mit dem „Du“ (oder mit dem „Ich“) gegeben ist. Es ist also nicht so, dass das Erste (das „Ich“ bei Fichte) das Zweite setzt, und von diesem Anderen ausgehend zum Dritten gelangt (zum „Begriff“).163 „Realismus“ heisst in der neueren Metaphysik nicht einfach „Objektivismus“. Bei Peirce, F. E. Abbot, Whitehead und mutatis mutandis auch bei James, Royce und Santayana verbinden wir eine ‚realistische’ mit einer ‚idealistischen’ Komponente, was wir in folgende praktische Formeln drängen wollen:164 ‚Realismus’ = objektiver Relativismus + objektiver Idealismus ‚Erfahrung’ (Erstheit) = Phänomen (Zweitheit) + Bedeutung (Drittheit) Mit dem „objektiven Relativismus“ decken wir den Phänomenalismus ab, der besagt, dass ein Gegenstand ein Wahrnehmungsgegenstand für ein wahrnehmendes Cf. Möckel 2005, 310 f. (siehe auch Seite xy) Cf. Feibleman 1960, 175 f. (zu Peirce und Abbot) und Schneider 1955, 258 f. (zu Abbot) – Die beiden Formeln sind im Prinzip Ableitungen von Whiteheads Prozessformel process = efficient + final causes oder auch reality = fact + value (unsere Art der Darstellung). Die letzte Formel gilt auch für Royce und Santayana.

Subjekt ist.165 Der „objektive Idealismus“ berücksichtigt die Tatsache, dass es etwas ‚zwischen’ Subjekt und Objekt geben muss, damit eine Analogie, Konkomitanz oder Korrespondenz von „äusserer“ und „innerer Ordnung“ (Spencer und nach ihm Abbot) angenommen werden kann - aber nicht nur das: Eine Phänomenologie liefert uns ähnliche und unähnliche ‚Dinge in der Welt’, nicht aber deren intrinsischen Zusammenhang (also das, was den Metaphysiker interessiert). Relationen und Regelmässigkeiten stehen zwar auch im ‚Buch der Phänomene’ geschrieben, nur bedarf es zu deren Verständnis der Interpretation des Offensichtlichen. Damit Zusammenhänge gefunden werden können, müssen ‚Prinzipien des Zusammenseins zur Verfügung stehen (Arten von Einheiten, Kausalverhältnisse, Wechselwirkungen, Individuen mit gemeinsamen Zielen usw.). Es genügt nicht, das Zusammensein einfach festzustellen und zu kategorisieren – das wäre so nicht einmal möglich, denn vor der Wahrnehmungssituation besteht eine Reihe natürlicher Bedürfnisse, die ein einfaches Kategorienschema mit sich bringen (oder ‚bewirken’), die als Basis für feinere und ‚abstraktere’ Kategorien dienen (deshalb die grosse Bedeutung von Analogieschlüssen vom „Ich“ zum „Nicht-Ich“). Vielleicht dürfen „persönliche Freiheit“ und „soziale Gebundenheit“ als natürliche Bedürfnisse (und nicht als historische Resultanten) des Menschen gelten. Die sich daraus ergebenden ‚gefühlsmässigen’ Kategorien wären „Freiheit“ und „Sicherheit“, welche gefühlsmässig (als Werte) jedem Menschen zu allen Zeiten intuitiv verständlich sind, obwohl sie intellektuell (als Begriffe) sehr schwer zu definieren sind. Nun haben wir hier bereits über unser Ziel hinausgeschossen. Immerhin sollte klar geworden sein, dass mechanische Ursache/Wirkung-Verhältnisse ‚von einem Ding zum anderen’ recht wenig mit wirklichen Situationen zu tun haben, auch wenn diese linearen oder multilinearen Kausalrelationen nunmehr „Appropriation“ oder „Prehension“ genannt werden und in einen vermeintlich „natürlichen“ oder „sozialen“ Kontext

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Wechselwirkungen, sondern ‚Ersetzungen’ oder mechanische Perpetuierungen (mit gelegentlichen Modifikationen) von Werten und Mustern. Das Vergangene wird nicht transformiert sondern ersetzt. Das mag überaus kritisch und vielleicht auch etwas abstrus klingen, entspricht aber der Tatsache, dass James und Whitehead anders als Bergson und Bradley - den Britischen Empiristen in mancher Hinsicht recht nahe stehen. So kann Bradleys radikaler Holismus (oder Monismus) in keiner Weise mit James’ angeblichen Holismus verglichen werden, denn James ersetzt die Ideen und Eindrücke von Locke, Berkeley und Hume (und von Descartes) mit Bewusstseinszuständen, die trotz den zugestandenen Übergängen atomaren Charakter haben.167 Diesen „atomaren Charakter“ heben wir mit den Konzepten

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consciousness“ den Kontinuitätsgedanken bei James zu stärken und die Nähe zu Bergson zu betonen (was wir in Kapitel VI tun werden).168 Das organische Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart lässt sich anhand unseres mechanischen Bildes mit den „urteilenden Gedanken“ nicht erläutern. Bevor man fragt, wie sich denn die mémoire selbst konstituieren könne und „an welchem Ort“ sich die Erinnerung ablagere (für Bergson eine unzulässige Frage, die auch Lloyd Morgan aufwirft), muss man sich im Klaren darüber sein, dass Bergsons Gedanken zur „Geschichte des Wachstums der Seele“ (C. G. Carus) einem romantischen Hintergrund entspringen und an der Basis idealistisch sind. Hinter Mit „multilinear“ meinen wir den Fall, bei dem sich mehrere Linien in einem Fokus treffen, also mehrere Ursachen eine komplexe Wirkung hervorbringen (vide Whitehead). Dieses Modell erinnert an die Optik.

167 Cf. Čapek 1991, 62 f. und Moore 1996, 63 f.

168 Siehe TT, chap. II Spencer und der Evolutionstheorie stehen Goethe und die Romantik.169 Geschichte, Wachstum und Veränderung (im Hinblick auf ein Ideal) wurden nach Schelling namentlich von Carus und Coleridge hervorgehoben.170 So finden sich in Carus’ Psyche (1846) Aussagen, die bereits deutlich auf Spencer, Bergson und James verweisen.171 Es genügt, bei Carus Schellings Idealismus zugunsten von Goethes Realismus in den Hintergrund zu rücken, um zu erkennen, wie ‚modern’ Carus eigentlich dachte. Carus stellt beispielsweise fest, dass die Person das Produkt ihrer Geschichte ist. Anders gesagt ist die Zeit etwas Wirkliches, das Spuren hinterlässt.172 Bergsons Ansichten bezüglich der Erinnerung sind also schon beinahe „klassisch“ zu nennen. Wir gehen von der Realität der Psyche aus. Daraus ergibt sich aus der Sicht eines Prozessphilosophen notwendigerweise die Annahme, dass die Psyche über eine eigene Dynamik verfüge.

Um nicht alle Theorien über den gleichen Kamm zu scheren, sollte die Bezeichnung „holistisch“ vor allem für Spencer, Bergson und Bradley reserviert werden. Für die Entwürfe von James und Whitehead empfiehlt sich als Alternative zum sperrigen Adjektiv „konstruktivistisch“ die bessere Bezeichnung „partikularistisch“. Die Bezeichnung „pluralistisch“ - die für James offenbar sonnenklar war - ist dagegen nicht zu empfehlen. Ein abstrakter Monismus (ein Prinzipienmonismus) und ein abstrakter, erkenntnistheoretisch motivierter Dualismus à la Descartes schliessen die Annahme einer Pluralität von Individuen keineswegs aus. Umgekehrt kann ein solcher Dualismus nach dem Kriterium der Ausdehnung oder der Messbarkeit in einem Monismus aufgehen (vide Spinoza). Wir haben es in der Philosophie nicht mit realitätsfremden Ideologien, sondern mit unvollständigen Gefügen von Ideen zu tun (eben mit „Entwürfen“). Es kommt immer darauf an, auf welcher Abstraktionsebene wir uns gerade befinden.

Wir sprechen hier am Rand eines von vielen Überlagerungsphänomenen an, die auch für die Philosophie typisch sind.

170 Cf. Barfield 1971, 43 ff. (zu Coleridge) – James zitiert Coleridge in PP/I, 572 nota.

171 Man vergleiche Carus 1860, 269 mit Spencer und Bergson.

172 Ibid., 258 – Die Zeit ist nicht eine „Form“ oder eine Abstraktion. Die „Zeit“ oder besser das innere, intime Leben der Psyche ist nach James und Bergson das erste Bekannte überhaupt.

James kommt in seinem assoziativen Modell natürlich auch nicht ohne die Erinnerung aus. Eine Erfahrung zu perpetuieren (Reduplikation, „re-enaction“ bei Whitehead) heisst, sich an etwas oder an sich selbst zu erinnern. Es könnte gesagt werden, dass sich in James’ Psychologie die Erinnerung „tröpfchenweise“ bildet und sich mehrheitlich wieder verliert. Wenn ein Gemüts- oder Bewusstseinszustand einmalig ist und nach dem Auftreten ‚losgelassen’, d. h. vergessen wird, ist ein solcher Zustand als unteilbarer psychischer Komplex für immer verloren. Wenn umgekehrt ein solcher Zustand in der Erinnerung haften bleibt, dann muss irgendwie an ihm ‚festgehalten’ werden. Nehmen wir Hodgsons Beispiel mit der aufsteigenden Sekunde.173 Um das Intervall einer grossen Sekunde vom Ton C zum Ton D zu erfahren und zu erkennen (d. h. um sich einer Relation bewusst zu werden), muss das C beim Erklingen des darauf folgenden D irgendwie erhalten werden, sonst würde uns der terminus a quo der zu vergleichenden Töne abhanden kommen (Musik würde so ungeniessbar). Diese „memory of the present“ kann als ‚hinterer Rand’ des specious present angesehen werden. James nennt das Arbeitsgedächtnis „primary memory“, bringt es jedoch nicht mit dem Konzept von Clay in Verbindung. Es sind naturgemäss die substantive parts und nicht die transitive parts, die Gegenstand der Erinnerung sind.174 Hodgson deutet so etwas wie ein specious present an, wenn er die „ganze Erfahrung“ der genannten Tonfolge als einen Akt mit zwei „Teilen“ deutet. Die Erfahrung dreht sich also um die Relation und bleibt nicht an einem der beiden Terme hängen. Wird die Relation C - D im Bewusstsein ‚weitergetragen’, so dass ein Hörer sich auch nach einigen Tagen daran erinnern kann, wird das Hörerlebnis Teil der „memory proper“ (Hodgson) oder der „secondary memory“ (James schreibt nur „memory“). Das logische Schema verdeckt die Tatsache, dass der Aufbau von Relationen im Bewusstsein Zeit beansprucht.

Etwas weiter hergeholt könnte man die Meinung vertreten, dass mit „Erinnerung“ eine gegenwärtige Vorstellung bezeichnet werde, die auf die Vergangenheit bezogen wird, ohne dass diese „Erinnerung“ notwendigerweise etwas mit der Geschichte des Siehe Hodgson 1898/I, 63 ff.

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