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«Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo ...»

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unvollendetem philosophischem System entsprechen. Wir nehmen diese Stelle zum Anlass, uns bezüglich der schwierigen Panpsychismusfrage bei James und Whitehead genauer zu positionieren. Sie soll hier mit kleinen Ergänzungen vollständig wiedergegeben werden, selbst wenn Sprigge eher an einen theistischen Panpsychismus denkt, wie er in unserem Diagramm aufgeführt ist:1299 The basic metaphysical positions to which James was settling down in his later years (and which were often adumbrated even in much earlier writings) leave all sorts of more specific possibilities open [e.g. Panpsychismus]. What seems clear is that he believed that reality ultimately consisted in innumerable interweaving streams of experience [durées bei Bergson] on all sorts of different levels of articulacy, that among these was one stream of peculiar significance which constituted the divine life, that our own streams are not sharply divided from this [i.e. Panentheismus], and that there is no one total experience within which everything falls as absolute idealists believe [Pantheismus].1300 Damit vollzieht James die Wende zum Idealismus.1301 Ein Idealist vom Schlage Hegels ist nicht der Ansicht, dass es da irgendwo einen perfekten Weltgeist gebe, der von einer Hierarchie von Modi oder Monaden gleichsam gespiegelt werde. Vielmehr breitet sich der Geist (oder die Rationalität) in Individuen und Gesellschaften aller Art aus, also ganz ähnlich, wie sich in James’ panpsychistischem Idealismus die verschiedenen psychischen Stränge zum Wohle einer besseren und reicheren Welt entfalten. Sowohl bei Hegel als auch bei James (und Whitehead) bildet eine Art Sprigge 1993, 255 – Panentheismus und theistischer Panpsychismus überschneiden sich, wie wir gesehen haben. In Sprigge 1983, 1994 und 1997 wird nicht auf den Panentheismus eingegangen, was in Bezug auf Charles Hartshorne bestimmt interessant gewesen wäre. - In welchem Sinne man Bradley als „Pantheisten“ bezeichnen könnte, wurde an einer anderen Stelle angedeutet. Mit einer einseitigen Annäherung an Spinoza muss man bei Bradley vorsichtig sein, da er – ähnlich wie Fichte eher einen Kompromiss zwischen Leibniz und Spinoza zu suchen scheint (wie Whitehead, welcher dem Pragmatismus viel näher steht als Bradley).

1300 Cf. EP, p. 134 f. (zu Royce) 1301 Cf. Kuklick 2001, 173 - 176 Pantheismus den weiteren Rahmen des Geschehens, denn die Teleologie des „Weltgeistes“ (wie wir gesagt haben) ist ethisch-ästhetischer Art, also durch und durch „klassisch“ im Sinne der griechischen Philosophie. Die Universalität des Geistes ist deshalb konkret und nicht abstrakt, weil sich da etwas durch etwas anderes Ausdruck verschafft („levels of articulacy“ im Zitat oben). Abgeschiedene platonische Formen und ‚künstliche’ theoretische Begriffe haben als Abstrakta wohl kein Bedürfnis, sich auszudrücken und zu expandieren. Was die Welt vorantreibt, muss im weitesten Sinne des Wortes etwas Lebendes sein, so wie die Psyche „etwas Lebendes“ mit einem intrinsischen Wert ist, und nicht bloss eine natürliche Funktion (wie wir im Sinne Bergsons sagen könnten). Wir stellen für James und mutatis mutandis für Whitehead nicht einfach einen vagen „Panpsychismus“ fest, sondern sehen in deren spekulativen philosophischen Psychologien den Versuch, eine Art ‚naturalisierten’ Idealismus zu formulieren, der tatsächlich auf einen modernen Spiritualismus im Gefolge Berkeleys hinausläuft (um es ganz kurz zu sagen). Die

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„Panmentalismus“ mit mind als natürlichem Ordnungsprinzip, vide Capra) würde sich de facto darauf beschränken, den aristotelischen Formbegriff zu adaptieren, was uns in der Metaphysik letztlich zu einer philosophischen Systemtheorie führen würde, wie sie bei Spencer und auch bei Whitehead angelegt ist. Eine solche Theorie müsste allerdings ‚agnostisch’ sein, denn der explizite Rekurs auf Gottes Willen oder auf dessen Wissen würde die Autonomie der verschiedenen Existenzformen deutlich schwächen (vide Whitehead). Eine solche Systemtheorie wäre für James und Whitehead zu wenig interessant. Mensch und Natur verändern sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ (was auch für Gott gilt). Was der empirischen Forschung entgeht, soll die Metaphysik intuitiv einfangen. Ein naturalistischer Monadismus (oder ‚wissenschaftlicher’ Pluralismus) verkennt eine gewisse hedonistische Dimension in der Entwicklung der Dinge, die sich nicht mit einem rationalen Utilitarismus abdecken lässt. In der Wirklichkeit geht es um Intensität, Ausdruck, Sympathie (und auch dessen Gegenteil), um die Erprobung neuer Möglichkeiten, die einen Gewinn jenseits materieller Werte versprechen.1302 Der Begriff des organischen Wachstums trifft den Kern der Sache am besten, weil

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Individuum/Gesellschaft, Freiheit/Notwendigkeit, Geschichte/Gegenwart, Leben/Tod oder Nehmen/Geben im Sinne von Whiteheads Philosophie.

James spricht in seiner Vorlesung zur Unsterblichkeit ohne zu widersprechen von der Möglichkeit, Wilhelm Wundts „law of increase of spiritual energy“ (also der allgemeine Aufwärtstrend bei Bergson und seinen diversen Nachfolgern) entweder theistisch oder pantheistisch zu deuten.1303 Diese beiden Deutungen und die Idee eines ethisch-ästhetischen Fortschrittes („spiritual energy“) lassen sich zu einem dynamischen und melioristischen Panentheismus vereinigen. In einem solchen „evolutiven Entheismus“ (wie wir in § 24 sagen) wird das Identitätsprinzip als Legat der Substanzphilosophie merklich aufgelockert. Wenn sich die Verhältnisse von Geist und Materie, von Seele und Körper, von Natur und Kultur oder von Gott und der Welt dem diskursiven Denken entziehen, dann müssen wir eben auf strikte logische Kriterien – und allgemein auf das herkömmliche Substanzdenken – verzichten. Dies ist der Schachzug, den James in TP 3 in extremis gegen Royce wählt (darin Bergson folgend). Wenn sich einfachere und komplexere Existenzmodi überlappen und gegenseitig beeinflussen, entsteht etwas Drittes mit einer eigenen Identität (das sagt James so nicht, entspricht aber der Sachlage). Die Farben und Formen eines Gemäldes überlagern sich auf der Leinwand und in unserer Vorstellung (zudem „überlagert“ das aktive Subjekt mit seinen Leistungen das passive Objekt). Der Gesamteindruck ist mehr als die Summe der künstlerischen Cf. AI, p. 201: „(…) the teleology of the Universe, with its aim at intensity and variety, produces epochs (…)“ - Ein solches Universum ist der Gegenstand eines gemässigten Monismus respektive eines gemässigten Pluralismus. Wenn das Ganze auf ein Ziel gerichtet ist, ist es offenbar mehr als die Summe seiner Teile. Entsprechendes wäre bezüglich von Werten festzustellen (contra Henning).

1303 ERM, p. 100 Mittel oder einzelner Aspekte, die dem Betrachter in einem Moment gerade mehr auffallen als andere. Eine Farbe kann von dunkleren zu helleren Tönen übergehen, ohne dass wir genau sagen könnten, wo der Farbton A ‚aufhört’ und der Farbton B ‚beginnt’. Es ist der ganze Übergang, den wir als solchen „genau“ angeben können, nicht die absolute Identität eines Farbtones, die nur Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sein kann, bei denen das Ganze in Teile zerlegt wird.

Wir kommen zum Schluss, dass es in einem sehr allgemeinen Sinne berechtigt ist, James und Whitehead als „Panpsychisten“ zu bezeichnen. Das Wort „allgemein“ soll darauf hinweisen, dass wir uns in einem weiteren Kontext befinden, den wir in dieser Studie mit der Wendung „die Rückkehr zur Tradition“ markieren. Der besagte weitere Zusammenhang lässt sich sehr gut mit zwei treffenden Definitionen abstecken, die wir von Abraham Edel entlehnen wollen:1304 Objective idealism looks for spirit not merely in individual consciousness or perception but in the objective order of natural and social life. The pattern sought has its origin (…) in the analysis of the human spirit.1305 Panpsychic idealism regards activity, movement, vitality as the characteristic of spirit. It regards everything as alive in this sense, treating all matter as imbued with spirit. Pantheism is its religious analogue.

Mit diesen beiden Definitionen stellt Edel die Verbindung zwischen Leben, Geist (i.e. Vernunft, Ordnung der Natur, soziale Beziehungen) und Gott her, auf die es bei unserem Thema ankommt. Damit vermeiden wir eine ahistorische naturalistische Interpretation von James und Whiteheads Theorien, die einem Vitalismus (und dem entsprechenden cartesischen Dualismus Teleologie/Maschine wie bei Driesch) Vorschub leisten würde, was auch eine zu grosse Distanz zu Bergsons Denken schaffen würde. Wir müssen hier ein wenig ausholen.

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