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«Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo ...»

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Diese Übergänge (transitions) sind die Relationen, die wir suchen. Im Fragment The Many and the One (TP 2) gibt uns James den Schlüssel für eine organische Entwicklung: „overlapping“.1187 Hier und anderswo finden wir die Rudimente einer Relationentheorie, die wir hier in groben Zügen nachzeichnen wollen.

Relationen. Theoretisch ist eine „nextness“ zwischen zwei distinkten Termen annehmbar, ‚zwischen’ denen es so etwas wie eine ‚Kontaktfläche’ gibt.1188 Genau besehen ist diese „Kontaktfläche“ (unsere Bezeichnung) ein Grenzfall von

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Siehe dagegen TP 2, p. 44: „Discontinuous elements are too tychistic“; und p. 45: „If a reality gets made by the successive synthesis of its parts (…)“ – Es scheint nicht, dass James auf diesen Seiten ad hominem argumentiert. –Auch eine individuelle Dauer oder eine bestimmte Entwicklung ist eine Einheit, aber eine solche unity-in-diversity muss nicht unbedingt in der Art einer Monade vorgestellt werden. Theoretisch besteht ein Fluss aus unzähligen Wassertropfen, praktisch ist der Fluss bewegtes Wasser zwischen eine Quelle und einer Mündung. Die Kategorien der Erfahrung und des Denkens sind nicht miteinander zu verwechseln.

1187 Cf. Hodgson 1898/I, 133 f.: universelles „overlapping“ in der Erfahrung und „the empiricist fallacy“, was sich gegen Whiteheads Epochentheorie der Zeit verwenden liesse.

1188 TP 2, p. 32 f. / 45 Überlagerung (also ein ideales Gebilde). Wenn die raumzeitliche Ausdehnung der Überlagerungszone gegen Null tendiert, wird die „notion of nextness“ anwendbar.

Das sagen weder James noch Aristoteles, was uns jedoch nicht daran hindern soll, mit Begriffen und Kategorien ökonomisch umzugehen. Continuity im Sinne von nextness ist also ein Grenzfall einer „continuity with overlapping“.1189 Das andere Extrem wäre der Grenzfall namens „merging“ oder „fusion“, bei dem der Überlagerungsbereich gegen ein Maximum tendiert, oder anders gesagt: ein ‚altes’ Ereignis geht (beinahe) vollständig in ein ‚neues’ Ereignis ein. Dieser schwierige Gedanke kann entweder mechanisch oder organisch ausgelegt werden: Wenn die fraglichen Ereignisse zyklische oder iterative Prozesse sind (das Letztere gilt bei Whitehead), geht es im Prinzip um eine Wiederholung eines Vorganges in Funktion einer grösseren Einheit, die wir in einem vierdimensionalen Koordinatensystem ‚zwischen einem Vorgänger und einem Nachfolger’ lokalisieren können. Wenn die fraglichen Ereignisse eher den Charakter von Ideen oder Aktivitäten haben, tritt der Aspekt der Wiederholung zugunsten eines dialektischen Geschehens zurück, wobei wir im Kontext der evolutionistischen Metaphysik (und der Prozessphilosophie) „Dialektik“ nicht allzu rationalistisch verstehen wollen. „Dialektik zwischen A und B“ soll heissen, dass ein soziales A und ein soziales B sich ‚von innen’ und ‚von aussen’ her abgrenzen und einander „Vorschläge“ machen, die durch den weiteren Gang der Entwicklung angenommen, modifiziert oder verworfen werden. Die Vorschläge, die „zwischen“ den Termen sind, haben objektiven Charakter. Diese Position soll hier im Anschluss an Carus und Paulsen (auch an Peirce und an Hartshorne) als „objektiver Idealismus“ verstanden werden – eine Position, auf die nach Peirce auch James und Whitehead zusteuern.1190 Mit unserer ‚wilden’ oder ‚tychistischen’ Dialektik haben wir einen Eindruck vom Grenzfall, den wir eben

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TP 2, p. 45 (Anhang) – Cf. White 1992, 23 f. (zu Aristoteles) Zu Peirce siehe das letzte Kapitel in Christopher Hookways Monographie Peirce (London / New York 1985).

„wirklichen Zeit“ (lies: von individuellen und sozialen Entwicklungen) in der Philosophie Bergsons.1191 Damit erhalten wir die „drei Grade“, die sich James im

Zusammenhang mit dem gegenseitigen Verhältnis von verschiedenen minds notiert:

„Conterminous / Continuous (…) / Confluent.“1192 Demnach gibt es mentale oder andersartige Ereignisse mit und ohne gemeinsamen Zwischenglieder, mit und ohne „overlapping“, sowie ein Verhältnis der Absorption, Appropriation oder Fusion zwischen späteren und früheren Ereignissen. Im Fall „conterminous“ sind die Relationen formal gesehen extern, symmetrisch und nicht-transitiv (man denke an das unmittelbare Nachbarschaftsverhältnis zwischen Körperzellen); im Fall „continuous“ (oder „contiguous“ in ERE) sind Relationen extern, symmetrisch und transitiv (man denke an zwei Zellen mit einer gemeinsamen Nachbarzelle zwischen ihnen); im Fall „confluent“ gelten dagegen interne, symmetrische und transitive Relationen. (Wenn wir etwas konkreter werden und die Zeit berücksichtigen, kommen, noch asymmetrische zeitliche Relationen hinzu.) Bisher ergeben unsere

Überlegungen im Anschluss an James die folgende Tafel:

Grad 1 - „conterminous“: externe, symmetrische Relationen Grad 2 – „continuous“: externe, symmetrische, transitive Relationen Grad 3 – „confluent“: interne, symmetrische, transitive Relationen Grad 2 entspricht Ruskins „unity of sequence“; darin verbergen sich James’ „conjunctive“ und „disjunctive relations“ (verbindende und trennende Relationen), bei denen es um den Unterschied zwischen konstituierenden Termen/Relationen und ‚vorübergehenden’ Termen geht, die wir im Sinne der Psychologie als „äussere Reize“ interpretieren dürfen, die der Orientierung dienen. Man könnte Grad 2 behelfsmässig als ‚Gemisch’ von externen und internen Relationen auffassen, also als Bjelland argumentiert in seinem Essay zu Bergson „zu tychistisch“ (mit James gesprochen). Das Andauern ‚in’ der Dauer und der Gestaltaspekt werden nicht berücksichtigt. „Dynamische“, „asymmterische“ und „interne Relationen“ sind zwar von Bedeutung, aber in einem synechistischen, nicht in einem radikal tychistischen Sinn (siehe Bjelland 1987).





1192 ML, p. 333 – Cf. ERE, p. 52 und 37 ff.

Material für einen Selektionsprozess.1193 Das selektierte Material wäre dann „confluent“ und für die Psyche konstitutiv. Etwas allgemeiner und zugleich anschaulicher könnten wir sagen, dass interne Relationen ein „System“ oder eine „Matrix“ bilden, auf die ‚etwas anderes’ einwirkt (ein ‚äusserer’ Term - in dieser Beziehung externe Relationen), auf das die Matrix reagiert.1194 Die Kontinuität bei Grad 2 ist also sowohl funktional als auch material zu fassen. Auch Reaktionsmuster sind in einem abstrakten Sinne „kontinuierlich“. Es ist klar, dass wir Grad 2 und Grad 3 nicht scharf voneinander trennen können. Whitehead sagt in MT, dass die Natur „a theatre for the interrelations of activities“ sei.1195 Diese Interrelationen liessen sich gemäss dem eben Gesagten (und PR folgend) als ‚Gemisch’ von positiven und negativen Prehensionen und somit von externen und internen Relationen deuten, wie wir das eben als allgemeines Merkmal eines Selektionsprozesses herausgestellt haben. Was internalisiert wird, kann als ‚Fusionsprodukt’ zwischen objektiver und subjektiver Form angesehen werden. Besser wäre allerdings eine Interpretation im Sinne einer Mimesis oder eines iterativen Prozesses („re-enaction“), denn es werden ja nicht zwei subjektive Zustände miteinander vereint, sondern ein Subjekt ‚inkorporiert’ ein Objekt (was immer das in concreto heissen mag).

Bei Grad 1 sind interne Relationen nicht kategorisch ausgeschlossen. Das Problem bei einem reinen Verhältnis der „nextness“ ist allgemein jenes der Interaktion oder der Interdependenz. Wenn zwei Monaden oder zwei Substanzen „next to next“ sind, ohne einander gegenseitig zu bedingen (vide Leibniz und Descartes), dann benötigen wir eine dritte Instanz, die auf indirektem Wege eine Verbindung (eine innere Abhängigkeit) schafft. Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende, denn es ergibt sich hier ein Regress, der erst ‚in’ Gott zur Ruhe kommt (vergleiche das Argument des „dritten Menschen“, Aristoteles contra Platon). Wenn wir dagegen „nextness“ als „togetherness“ deuten, und soziale Beziehungen zugestehen Wir befinden uns auf dem Gradienten mit den Extrema [externe Relationen*] und [interne Relationen*] auf einer mittleren Position, deshalb können wir metaphorisch von einem „Gemisch“ sprechen.

1194 Cf. TT, p. 111 (114) 1195 MT, p. 140 (Interaktion, Öffnung und Abgrenzung, unsere „Dialektik“ usw.) fragt sich, ob wir uns eher an der materiellen Getrenntheit der Aktivitätszentren oder an der ideellen Verbundenheit ihrer Handlungen (am ‚teleologischen Band’) orientieren sollen. Als

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Denkweise entspricht.

Spencer, Bergson, James und Whitehead liefern uns Andeutungen in Richtung einer prozessorientierten Relationentheorie. Die Rede von „Aktivitäten“ und „wirklichen Relationen“, die „dynamisch“ und „in der Zeit“ sein sollen, reicht als Grundlage einer Prozesslogik offenbar nicht aus (es handelt sich dabei nicht um logische Prämissen, sondern um metaphysische statements). Die eben vorgestellte Tafel mag zunächst ad hoc erscheinen, besonders weil bei James nicht von Grenzbegriffen die Rede ist. Es ist deshalb angebracht, die von uns entworfene Tafel mit den drei Graden der Verbundenheit besser in James’ Texten zu verankern, soweit das der Rahmen dieser Untersuchung zulässt. James’ diverse Vorschläge können präzisiert und in einen grösseren Kontext eingeordnet werden.

Vielleicht mag es befremden, dass nun nicht asymmetrische Relationen („die Zeit“) im Zentrum des Interesses stehen. Die Antwort darauf liegt dennoch nahe: Logik und Metaphysik sind nicht dasselbe, sondern verschiedene und teilweise komplementäre philosophische Disziplinen. Einfach gesagt fokussieren die Logik eher auf das Sein und die Metaphysik eher auf das Werden. Es kann nicht darum gehen, dass eine Prozesslogik die anvisierte Prozessmetaphysik ‚verdoppelt’ und durch diese Verdopplung gleichsam ‚bestätigt’ (das wäre eine Diallele!). Aus logischer Sicht lassen sich die Grade 1 bis 3 als ‚Situationen’ auffassen, auf denen zeitliche Relationen sozusagen ‚supervenieren’. Die Realität der Zeit wird damit nicht im Geringsten in Zweifel gezogen (wie wir bei dieser Aussage gegen James und Bergson sagen müssten); abgesehen davon liegt es im Kompetenzbereich des Metaphysikers, die Realität der Zeit anzufechten oder zu verteidigen, wenn er dies für angemessen hält. Es ist klar, dass für James, Bergson und auch für Whitehead die Abstraktion vom Zeitfaktor ein fragwürdiger Schritt weg von der unmittelbaren Wirklichkeit in Richtung Intellektualismus bedeutet. Vielleicht liesse sich eine hochabstrakte Logik mit einer lebensnahen, intuitiven Logik näher an die metaphysischen Tatsachen bringen – die Frage ist nur, was wir denn genau unter einer „intuitiven Logik“ zu verstehen hätten, die selbst nicht Metaphysik ist.



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