WWW.BOOK.DISLIB.INFO
FREE ELECTRONIC LIBRARY - Books, dissertations, abstract
 
<< HOME
CONTACTS



Pages:     | 1 |   ...   | 107 | 108 || 110 | 111 |   ...   | 137 |

«Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo ...»

-- [ Page 109 ] --

1138 In PP, PBC, TT und bei Bradley 1935/I, Essays X / XI und 1935/II, Essay XXIV (so mag Whitehead James verstanden haben). Allein diese Interpretation ist nicht befriedigend, es haftet ihr etwas Mechanisches an, das James nicht ansteht. Es ist zu vermuten, dass James in PP eher so etwas wie eine qualitative (nicht quantitative) und organische oder funktionale Multiplizität im Sinn hat, also wesentlich näher bei Bergson als bei John Stuart Mill denkt und schreibt. Das ist plausibel, aber nicht leicht nachzuweisen. Wir würden zwar in James’ Texten und Notizen leicht Ausdrücke wie „flux“, „growth“ oder „compenetration“ finden, die eindeutig auf Bergson verweisen, ziehen es jedoch vor, anders zu argumentieren (die leidige Frage der Priorität interessiert uns nicht). Wichtiger als die scheinbare Atomizität des specious present („James’ specious atomism“ wäre hier eine treffende Glosse) sind James’ Vorstellungen von Bewusstseinsfeldern und von Zuständen, die sich überlagern, die also als etwas Konkretes nicht scharf voneinander abgrenzbar sind.

Ein „concrete field“ oder eine Phase des Bewusstseinsstroms sei „always complex“, so James.1139 Stellen wir uns ein Fadenkreuz vor! Auf der Horizontalen ‚befindet sich’ unser natürliches Zeitbewusstsein (die Anstrengung vom Vorher zum Nachher) auf der Vertikalen unser Raum- oder Ortsbewusstsein (ausgehend vom eigenen Körper).

Der Nullpunkt wäre das ‚neutrale’ oder abstrakte gegenwärtige Erlebnis, das es de facto nicht gibt. Bei James’ und Bergsons Darstellungen des Wahrnehmungsakts müssen wir das Fadenkreuz ‚auf’ die gesamte Wahrnehmungssituation ‚um den Nullpunkt herum’ legen. So sagt uns beispielsweise James, dass ein Bewusstseinsfeld „sensations of our bodies and of the objects around us, memories of past experiences and thoughts of distant objects (…)“ und weiteres mehr enthalte.1140 Wenn wir nun den Erlebnisfluss gleichsam festhalten, begrifflich fixieren und uns auf die anstehende Handlung konzentrieren, dann ‚verlagern’ wir unsere psychische Energie ins rechte obere Feld des Fadenkreuzes (oder des Koordinatensystems), das zum Objekt und zur Zukunft ‚hinneigt’.1141 Bezüglich des übergeordneten Themas „attention“ wollen wir noch anfügen, dass ein field of consciousness über ein „focal

–  –  –

1141 Das Gesagte entspricht Bergson 1939, 152 f. und 1932, 258 object“ und ein „marginal object“ verfügt.1142 Dieses Zentrum/Peripherie-Modell erinnert stark an die Dreiteilung des specious present mit seinen zwei ‚Rändern’ (man kann sich bei James das Bild eines Auges mit der Pupille in der Mitte vorstellen). Aus dem Gesagten geht hervor, dass die scheinbare Gegenwart in einen weiteren psychologischen Kontext gehört, auf den sich James später nicht mehr beruft.1143 Leibniz (und Lotze) ist der Punkt, an dem sich die Wege von James und Whitehead (oder auch von Bergson und H. W. Carr) definitiv scheiden. „The process of experience must be a homogeneous growth“, in welchem „fields of experience continuously succeed each other“.1144 James’ Grundidee kommt also sehr nahe an Bergsons „wirkliche Zeit“ heran, auch wenn James der Assoziationspsychologie näher steht als Bergson.1145 Mit „homogeneous growth“ meint James wie Spencer eine kontinuierliche Entwicklung, nicht eine monotone Wiederholung bestimmter Gehalte in bestimmten Situationen.1146 Damit sind die beiden espèces de multiplicité bei Bergson angsprochen: die mechanische Wiederholung („objets matériels“) ergibt eine arithmetische Summe („nombre“); ein nicht-räumlicher psychischer (also ein zeitlicher) Fortgang ergibt dagegen eine diffuse „multiplicité qualitative“.1147 Eine qualitative Vielheit finden wir nicht nur bei James, sondern auch in Bradleys kritischempirischem Idealismus.

Nun müssen wir aufpassen! An einer bisher nicht beachteten Stelle scheint James’ mit Leibniz’ Monaden zu flirten.1148 Wie sollen wir das bewerten? Nun, es genügt, Leibniz an Berkeley anzunähern und der vorübergehende Nebel verzieht sich wieder. James schätzt an Berkeleys Theorie den Phänomenalismus (oder „Empirismus“) den Pluralismus und den Nominalismus, sofern dieser mit James Abstraktionskritik vereinbar ist; weniger Freude bereiten ihm der Interventionismus TT, p. 21 – James übernimmt diese beiden Bezeichnungen von Conwy Lloyd Morgan.

Die Themen „novelty“ und „tychism“ und die bekannte Wendung „pulses of experience“ weisen bereits auf Whiteheads Behandlung von Zenons Argument der Dichotomie hin (in PR). Der Zusammenhang mit dem specious present ist hier sehr locker.

1144 ML, p. 255 1145 Cf. ML, p. 268: „moments of experience, connected by relations (…)” 1146 Miller 1976, 68 1147 Bergson 1927, 67 und 177 f. – Cf. Deleuze 1966, 31 ff. und ML, p. 306 f.

1148 Siehe ML, p. 288 f.

Gottes (tatsächlich eine Art Okkasionalismus) und der „multiple solipsism“ bei Berkeley.1149 (Bei Leibniz und a fortiori bei Spinoza und anderen Monisten kommt noch das Determinismusproblem dazu, das bei Berkeley mit seiner Loyalität zu Newton auch nicht weit entfernt ist.) Wenn die vielen Monaden als Personen aufgefasst werden könnten, die Beziehungen zueinander unterhalten (also eine ‚echte’ Gesellschaft bilden), fällt die Notwendigkeit eines intervenierenden Gottes weg. Aber auch ein säkularisierter Monadimus unter dem Namen „Panpsychismus“ ist nicht vor der allzeit drohenden Solipsismusgefahr gefeiht. Auch wenn James selbst im Zweifel ist, lässt er sich trotz der grösseren Anschaulichkeit einer panpsychistischen Theorie nicht durch den neuen Namen täuschen. An dieser und ähnlichen Stellen sticht James’ philosophische Kompetenz hervor, die jener von Bergson und Whitehead in nichts nachsteht:1150 The panpsychic view reduces the whole phenomenal world to a set of solipsisms. Every naïf object we possess, in all its setting, is but a representative or symbol of what is ejective to our mind.





Wir haben hier primär ein epistemologisches Argument vor uns, das sich gegen die Repräsentationstheorie richtet. Wenn es in einer Theorie keine direkte Wirkung ‚von aussen’ (keine „Präsentation“) gibt, muss die Wahrnehmung oder die entsprechende Kausalrelation als ‚Anlass’ zur Bildung von Repräsentationen verstanden werden (es geht dann nicht mehr nur um memory images, sondern auch um perception images). Ein Stimulus wäre somit keine objektive Wirkursache mehr, sondern eine spekulative TP 1, p. 424, ML, p. 277, 282, 359 – Cf. Myers 1986, 96 f. / 320 - 324 (zu James und Berkeley) – Die neuzeitlichen Theorien von Descartes, Spinoza, Leibniz, Berkeley und später jene von Whitehead, Lloyd Morgan und Teilhard de Chardin sind „verkleidete Theologien“ (cf. Badi 1957, 272 f. zu Descartes und Aristoteles) - anders gesagt, sie sind für die philosophische Theologie relevant.

1150 TP 3, p. 107 – Diese Stelle ist im Hinblick auf James’ Einschätzung von Leibniz’ Monadologie besonders zu beachten (siehe Schluss dieses Abschnittes). Die Bezeichnung „eject“ geht wohl auf W.

K. Clifford zurück. Die Unterscheidung object / eject entspricht in etwa jener bei Kant zwischen Phänomen und Noumenon (cf. TP 2, p. 56). Letztlich geht es bei beiden um die Unterscheidung percept / concept. – Man beachte weiter James’ adäquate Einschätzung von Berkeley’s Idealismus / theistischem Realismus in TP 1 und vergleiche mit Grayling 1986.

oder ‚präphänomenale’ occasion of experience, sozusagen ein theoretischer, ‚nichtempirischer’ Stimulus. Der Gehalt würde ‚von innen’ her retrospektiert und von dort ‚nach aussen’ projiziert, wie das bei immanenten Gegenständen oder „funktionalen Ursachen“ (wie wir bei Whitehead sagen) der Fall ist. Es gibt zwar ein Gefühl für das Äussere, aber dieses Gefühl ist innerlich. Was James und Whitehead als „Präsentation“ verstehen möchten, wäre dann tatsächlich eine Projektion aufgrund einer gefühlsmässigen Repräsentation.1151 Diese Auffassung mag den Physiologen zufrieden stellen; in der Metaphysik stellt sich jedoch die Frage, ob der Konnex zwischen ‚realen Gegenständen’, ‚richtigen Gefühlen’ und ‚wahren Meinungen’ einen universal knower à la Berkeley, Fichte, Green und Royce fordert. Die intellektuelle Freiheit des Philosophen bringt auch gewisse Pflichten mit sich. Einer dieser Pflichten besteht darin, skeptische Einwände zu gewärtigen. Deshalb legen wir unser Augenmerk besonders auf das Solipsismusproblem. Eine solipsistische Philosophie garantiert weder Wahrheit noch Wirklichkeit ausserhalb des einsamen Subjekts. Deshalb ist die Versuchung gross, die besagte „Wahrheit und Wirklichkeit“ über einen ‚internen’ Essenzialismus zu sichern, der sich zwecks ‚grösserer Sicherheit’ in Gott verankern lässt. Wir erhalten so ein Repositorium für ‚ewige Wahrheiten’ (vide Leibniz) – eine Tendenz, die bereits bei Platon und Aristoteles angelegt ist. Formelhaft mag diese wichtige und allgemeine Problematik so

ausschauen:

Philosophie – Gesellschaft = Monadismus + Essenzialismus (+ Theismus) Einfach gesagt ersetzen traditionelle Denker die Gesellschaft mit Gott. Wo gesellschaftliche Prozesse mehr oder weniger bewusst ausgeblendet werden, tritt der Wille Gottes in die Leerstelle ein. Wenn wir dermassen ‚asozial’ und zuweilen ideologisch denken, entfernen wir uns vom Konkreten. Interrelationen und Interdependenzen sind sui generis, d. h. sie lassen sich nicht auf atomare Zustände Cf. Lloyd Morgan 1923, 48 ff. (zu Charles Sherrington und dessen Begriff projicience) oder auf abstrakte Ideen reduzieren, zu denen wir auch vage Analogien rechnen wollen. Gesellschaftliche Transaktionen mögen „gewollt“ oder „ungewollt“ sein solches mindert deren historische Bedeutung keineswegs.



Pages:     | 1 |   ...   | 107 | 108 || 110 | 111 |   ...   | 137 |


Similar works:

«TEXTARCHIV Leitzordner und / bzw. mit Angaben zum Standort Erzählungen befinden sich gesondert gespeichert (USB-Stick). AL-KAHLIFA, Ahmad: Fatwa in Deutschland – Probleme und Perspektiven. Vortrag beim 51. Treffen deutschsprachiger Muslime, München 03.06.2001), in: AL-ISLAM Nr. 03 (2001), S. 11–13 und: SHITU-AGBETOLA, Ade: The Theory of Al-Khalifa in the Religious Philosophy of Sayyid Qutb, in: Muslim Education Quarterly (MEQ), Autumn Issue Vol. 8, No. 01 (1990), S. 50-55 Beide Beiträge...»

«DIPLOMARBEIT Titel der Diplomarbeit Das Ballett „Romeo und Julia“ in der Fassung der Wiener Staatsoper Verfasserin ODER Verfasser Judith Wansch angestrebter akademischer Grad Magistra der Philosophie (Mag. phil.) Wien, 2008 Studienkennzahl lt. Studienblatt: A 317 301 Studienrichtung lt. Studienblatt: Theaterwissenschaft Betreuerin / Betreuer: Ao. Univ.Prof. Dr. Brigitte Marschall Inhaltsverzeichnis Vorwort S. 4 Einleitung S. 5 1. Shakespeare und „The Tragedy of Romeo and Juliet“ 1.1....»

«NEGOTIATING EVANGELICALISM AND NEW AGE TOURISM THROUGH QUECHUA ONTOLOGIES IN CUZCO, PERU by Guillermo Salas Carreño A dissertation submitted in partial fulfillment of the requirements for the degree of Doctor of Philosophy (Anthropology) in The University of Michigan Doctoral Committee: Professor Bruce Mannheim, Chair Professor Judith T. Irvine Professor Paul C. Johnson Professor Webb Keane Professor Marisol de la Cadena, University of California Davis © Guillermo Salas Carreño All rights...»

«„Klaus-Heinrich Standke, ein hochaktiver Europäer, der den Gedanken und die Philosophie des Weimarer Dreiecks in so vorzüglicher Weise ständig neu belebt.“ Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister des Auswärtigen a.D., Mitbegründer des Weimarer Dreiecks mit Roland Dumas und Krzysztof Skubiszewski † „Sie tragen bereits das Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und bald das Kommandeurskreuz des Verdienstordens der Republik Polen. Mit der...»

«„Moderate et prudenter“ Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden (1728-1811) Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät III (Geschichte, Gesellschaft und Geographie) der Universität Regensburg vorgelegt von Gerald Maria Landgraf aus Amberg Landsberg am Lech 2008 Erstgutachter: Prof. Dr. Albrecht P. Luttenberger Zweitgutachter: Prof. Dr. Peter Schmid Vorwort Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2007/2008 von der...»

«Der Mensch im Open-Field Test: Agoraphobie als pathologische Form extraterritorialer Angst Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät II der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Vorgelegt von: Nora Walz Würzburg 2013 Erstgutachter: Prof. Dr. Paul Pauli Zweitgutachter: Prof. Dr. Andreas Mühlberger Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis 1. Allgemeiner Hintergrund 11 1.1 Agoraphobie, Behandlung und ungeklärte Fragen 1.2 Agoraphobie als pathologische...»

«1.2 Ereignis und Handlung John Dewey hat in besonderer Weise dazu beigetragen, eine handlungsorientierte Wende in der Philosophie und Kulturtheorie herbeizuführen. Diese Wende ist zugleich eine paradigmatische Voraussetzung für einen kulturalistisch orientierten Konstruktivismus geworden. Dewey selbst stand zunächst unter dem Einfluss von Hegel, vollzog aber dann eine wesentliche Kritik. Was waren seine Ausgangspunkte? In der frühen Schrift „The Metaphysical Assumptions of Materialism“...»

«1 Forthcoming in Philosophy as a Discipline: Essays on the Very Idea, ed. by Leila Haaparanta. (A paper partly presented at the international symposium, Philosophy as a Discipline: On the Nature of Philosophical Knowledge, University of Tampere, Finland, September 7-8, 2006.) THE RETURN OF METAPHYSICS? Problems with Metaphysics as a Philosophical Discipline Sami Pihlström Department of Social Sciences and Philosophy, University of Jyväskylä, Finland Department of Philosophy, University of...»

«Forensik zwischen Krimi und Sachbuch Falltexte – Paratexte – Kontexte Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München vorgelegt von Ingrida Povidisa-Nerowski aus Riga, Lettland Erstgutachter: Prof. Dr. Christian Begemann Zweitgutachter: Prof. Dr. Oliver Jahraus Datum der mündlichen Prüfung: 25. Mai 2012 Einleitung 4 I. Das Phänomen Forensik – „Ein populärer Irrtum“ 15 II. Forschungsaspekte zum forensischen Krimi...»

«Holbrook, Jack; Rannikmäe, Miia The philosophy and approach on which the PROFILES project is based CEPS Journal 4 (2014) 1, S. 9-29 Empfohlene Zitierung/ Suggested Citation: Holbrook, Jack; Rannikmäe, Miia: The philosophy and approach on which the PROFILES project is based In: CEPS Journal 4 (2014) 1, S. 9-29 URN: urn:nbn:de:0111-opus-88773 in Kooperation mit / in cooperation with: http://www.pef.uni-lj.si Nutzungsbedingungen Terms of use Dieses Dokument steht unter folgender Creative...»





 
<<  HOME   |    CONTACTS
2016 www.book.dislib.info - Free e-library - Books, dissertations, abstract

Materials of this site are available for review, all rights belong to their respective owners.
If you do not agree with the fact that your material is placed on this site, please, email us, we will within 1-2 business days delete him.