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«Inauguraldissertation der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Matthias C. Roggo ...»

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Bei James und Whitehead manifestiert sich diese Problematik darin, dass der Bezug auf Empirie notgedrungen die ‚geistige Erfahrung’ mit einbezieht. Wäre das nicht der Fall, müsste das Denken als Illusion oder als Epiphänomen ‚über den Gefühlen’ ausgewiesen werden, was für einen Philosophen nicht gerade eine attraktive Aufgabe wäre. Mit der geistigen Erfahrung hält die Idealität in die abstrakt gefasste „Realität“ Einzug. (Wissenschaft ist auf dem Papier wertfrei, aber Werte und Prioritäten führen erst zum Unternehmen namens „Wissenschaft“ – de jure ist nicht de facto) Wenn Fakten Funktionen von Werten sind (vide James und Schiller) oder umgekehrt Werte von Fakten abhängen (hier setzen Soziologen an), heisst das für den Metaphysiker ganz einfach, dass der Mensch Teil der Natur ist und nicht von dieser a priori losgelöst werden darf. Die vorgängige Eliminierung von Mensch und Gesellschaft verfälscht den Denkgegenstand und schafft eine zu grosse Distanz zur Lebenswelt.

Um dieser vielschichtigen Problematik gerecht zu werden und um die simplistische realistische Auslegung von James’ Philosophie zu durchbrechen, werden wir uns im Folgenden vermehrt auf James un- oder teilvollendete Spätschriften stützen. Um Whiteheads philosophische Schriften lassen sich zur besseren Übersicht in eine naturphilosophische/wissenschaftstheoretisch und in eine metaphysische/ontotheologische Dreiheit ordnen (R, PNK, CN einerseits, SMW, PR, AI andererseits). Die Dreiheit FR, S, MT lässt sich sehr gut auf Bergson und Dewey beziehen und kann deshalb als lockere Einheit angesehen werden. RM und ESP und kleinere Arbeiten (wie Mem oder der Aufsatz „Time“) gehören zum Umfeld der Trilogie SMW, PR, AI.

James’ Manuskripte eine fassbare Form zu verleihen, wollen wir seine philosophischen Arbeiten zuerst einmal in „öffentliche Vorlesungen“ und „private

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hypothetischen Gesamtwerk, dem wir in Anlehnung an die bereits erwähnte Arbeit von Coleridge den passenden Titel „Hints toward a Theory of Process“ verleihen, an den James leider nicht gedacht hat (Abkürzung TP). TP wäre dann gewissermassen die Entsprechung zu Whiteheads Hauptwerk PR. Das Manuskript zu James’ geplantem Hauptwerk The Many and the One (bis 1904) wird in unserer Sammlung an zentraler Stelle als „TP 2“ integriert. James bemühte sich nach VRE (seinen Gifford Lectures von 1902-03) um eine geschlossene Darstellung seiner metaphysischen Thesen und Vorstellungen. James’ begann mit dem Manuskript zu The Many and the One im Jahre 1903, als er mit kleineren Arbeiten zu ERE beschäftigt war. Er sah dieses Buch als sein künftiges Hauptwerk an, das sich weniger an das breite Publikum und mehr an akademische Philosophen wenden sollte. Der Titel scheint eine Antwort auf Royces Gifford Lectures zu sein (ungefähr so wie Whiteheads PR auf Bradleys Hauptwerk Bezug nimmt), welche statt „The World and the Individual“ ebenso gut „The One and the Many“ hätte heissen können. Bekanntlich kam The Many and the One nie zum Abschluss. Wenn wir Gründe dafür angeben müssten, dann wären systematische vor biographischen Gründen anzugeben. James’ Not war nicht Zeitnot oder seine schlechte Gesundheit, sondern eine theoretische Not. Sie ergab sich, wie

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‚realistische’ Empirie dem Idealismus Tür und Tor öffnet. Wir könnten es auch so sagen: ein neutraler Monismus ist in der Epistemologie unbefriedigend und in der Ontologie nicht durchführbar, ohne in idealistische und mystische Gewässer zu geraten. (Deshalb trennt Spencer lange vor Wittgenstein das Sagbare vom Unsagbaren.) James schaffte es immerhin, dem Vorbild Friedrich Paulsens folgend, den grössten Teil eines Philosophielehrbuches fertig zu stellen, das er vermutlich in Anlehnung an Harald Höffding „Some Problems of Philosophy“ nannte (SPP und ERE sind posthum erschienen).1044 SPP und unsere provisorische Sammlung TP werden die wichtigste Grundlage für James Annäherung an Whitehead bilden. Bei TP beschränken wir uns vorläufig auf drei Entwürfe (die Auswahl kann jederzeit erweitert werden):1045

- General Problems of Philosophy (TP 1)

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- The Miller-Bode Objections (TP 3) TP 1 sind Vorlesungsnotizen zu einem Kurs, der auf Friedrich Paulsens bereits erwähnter Einleitung in die Philosophie (ab 1892) fusst. Diese ausführlichen Notizen können als Ergänzung SPP zur Seite gestellt werden; sie sind wegen Paulsen auch für die Themen „psychophysischer Parallelismus“ und „Panpsychismus“ von hohem Interesse.

TP 2 besteht aus dem besagten Entwurf der ersten Kapitel von James’ magnum opus, der seinerseits zusammen mit ERE gelesen werden kann. Dieser Entwurf ist mit einem Anhang im Band „Manuscript Essays and Notes“ (1988) der Gesamtausgabe von James’ Werken zu finden (als Nummern 1-15). Wir erlauben uns, diesen Anhang um die Nummern 28-32 im selben Band zu erweitern, da diese Notizen das strittige Thema „Phänomenalismus“ erhellen, das in SPP und anderen Schriften zu kurz kommt (in der kurzen Notiz 29 werden „Panpsychismus“ und „Substanzialismus“ einander entgegengesetzt). Diese älteren Notizen gestatten es, James’ Position jenen von Hodgson und Strong anzunähern (die mutatis mutandis mit Berkeleys Idealismus kompatibel sind und Platz für die romantische Sensibilität lassen) und James’ Andere Einleitungen in die Philosophie oder in die Metaphysik, welche James bekannt waren, stammen (abgesehen von Paulsen und Höffding) von G. Heymans, A. E. Taylor, Bowne, Marvin, Fullerton und Jerusalem (Namen, die James in Fussnoten erwähnt). Diese „Einleitungen“ sind zugleich Expositionen der Philosophie der jeweiligen Autoren, wie das ja auch bei SPP und in Bergsons bekannter „Introduction à la métaphysique“ der Fall ist.





1045 TP 1 = ML, p. 378 - 428 / TP 2 = MEN, p. 3 – 44, Appendix p. 44 – 61; mit unserer Erweiterung des Anhanges = MEN, p. 170 - 190 / TP 3 = MEN, p. 65 - 129 Radikalen Empirismus besser von Humes und Mills Phänomenalismus zu unterscheiden, bei dem die Subjektivität untergeht.

TP 3 (die Nummer 16 im erwähnten Band) basiert auf drei Notizbüchern, die James über mehrere Jahre angelegt hat (1905-1908). Der äussere Anlass dazu bildeten kritische Rückfragen von Seiten Neuer Realisten nach Perry (B. H. Bode, D. S. Miller u. a.). Weitaus wichtiger als dieser Anlass ist das ungeklärte Verhältnis von James’ Radikalem Empirismus und Royce’s Absolutem Idealismus. Es ist hier eine „accidental convergence“ zu beobachten, die James verständlicherweise grosse Mühe bereitete.1046 James vermochte gegenüber Royce nicht, seine ‚realistische’ Position und seinen gesellschaftlichen Ansatz in der Metaphysik durchzusetzen. Seine Formel „starke Subjekte plus ein schwacher Gott“ war zu nahe an Royce’s „schwachen Subjekten plus ein starker Gott“ (wie James die Sache eingeschätzt hat). Zuerst hätte James so wie Bergson und noch deutlicher Dewey den Gottesbegriff in den Hintergrund stellen sollen, um dann der Gesellschaft und ihren Wirkungen und Wechselwirkungen mehr Raum zu gewähren. (Whitehead wird dieses Problem erben und weitertragen, wie wir noch sehen werden.) Diese Gedanken liegen eigentlich auf der Linie von James’ Pragmatismus, nur wurde James durch die Debatte um den Wahrheitsbegriff auf eine epistemologische Schiene gedrängt, welche die ontologischen Implikationen des pragmatistischen Programms in den Schatten stellten, was James durchaus bewusst war (auch die schwachen epistemologischen Stützen von Royce’s Metaphysik hatte James klar erkannt).1047 Der grundsätzliche Irrtum, der sich hinter dieser ‚Blockierung’ verbirgt, ist die falsche Ansicht, dass die Erkenntnistheorie die notwendige und die einzige Voraussetzung für die Ontologie sei, anstatt zuzugestehen, dass es verständliche philosophische Aussagen ohne implizite oder explizite Existenzaussagen nicht geben kann. Wir Cf. Roggo 2010 – Es wäre auch möglich, das Problem anders zu stellen. Wichtiger als die freundschaftliche Konfrontation zwischen James und Royce (oder jene zwischen James und Bradley) ist Berkeleys Empirismus, den man realistisch oder idealistisch auffassen kann.

1047 Siehe MT, p. 6 können der Existenzgemeinschaft namens „Welt“ oder „Wirklichkeit“ nicht entfliehen. Wir sind in der Wirklichkeit gefangen, egal, was wir damit anfangen.

Funktionale Ursachen. Die amerikanischen Varianten von Skeptizismus und Phänomenalismus heissen „Pragmatismus“ und „Radikaler Empirismus“. Obwohl diese Namen vor allem mit James in Verbindung gebracht werden, muss darauf hingewiesen werden, dass diese Konzepte im Schmelztiegel des „Metaphysical Club“ entstanden sind, dem abgesehen von Peirce und James heute beinahe vergessene Denker wie J. Fiske, F. E. Abbot und C. Wright angehörten.1048 Wenn wir zur Systematik übergehen, wird es sinnvoll sein, sich vermehrt an George Berkeley zu orientieren. Berkeleys Idealismus und Skeptizismus gegenüber dem naiven ‚wissenschaftlichen’ Realismus (mit den Folgen Atheismus und Materialismus) ist der Kristallisationskern, um den sich James, Bergson, Royce, Whitehead und Bradley gruppieren lassen. Wenn eine Theorie diese Philosophen miteinander verbindet, dann ist es jene von Berkeley. Um dies zu erkennen muss zuerst vom Mythos Abschied genommen werden, dass Locke und Berkeley einfach

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mittelalterlichen Aristotelismus als erster ‚entdeckt’ und ‚entfernt’ habe. So einfach ist die Sache zum Glück nicht. Abgesehen vom kuriosen Faktum, dass Hume seine „impressions“ wie Substanzen behandelt (und sich so unabsichtlich Platon nähert),

wird immer wieder übersehen, dass Locke und Berkeley zwei Tendenzen nachgeben:

die eine ist aristotelisch-neuplatonisch, die andere folgt dem neuzeitlichen Empirismus, wobei auch hier Aristoteles (neben Demokrit) nicht allzu weit entfernt ist.1049 Daraus ergibt sich bei Locke und Berkeley (anders als bei Hobbes und Hume) die eigentümliche Ambiguität des Seelenbegriffs, welche auch noch bei James und Whitehead spürbar ist. (Berkeleys Seelenlehre war Gegenstand des in Italien verloren Siehe Schneider 1955, 266 (cf. Myers 1986, 316) – Fiske stand brieflich mit Spencer in Verbindung, Wright mit Darwin und Abbot genoss die hohe Wertschätzung Peirce’s.

1049 Es liesse sich hier ganz allgemein eine Spannung zwischen Religion und Wissenschaft (oder auch zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie) feststellen.



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