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«Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich vorgelegt von Johannes Giesinger von St. Gallen (SG) ...»

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in Habermas’ Diskurstheorie, welche auf dem Prinzip der rationalen Zustimmung beruht, scheint die Rechtfertigung von Paternalismus gar kaum mehr möglich.209 Rawls, auf den die erziehungsphilosophischen Konzepte von Gutmann und Blustein210 aufbauen, erweist sich hier als flexibler: „Die Grundsätze des Paternalismus sind (...) diejenigen, die die Parteien im Urzustand anerkennen würden, um sich gegen Schwäche und Versagen ihrer Vernunft und ihres Willens in der Gesellschaft zu schützen. Andere erhalten das Recht und sind manchmal verpflichtet, an unserer Stelle zu handeln und das zu tun, was wir für uns tun würden, wenn wir vernünftig wären. (...) Paternalistische Entscheidungen haben sich von den stabilen Bedürfnissen der Betroffenen selbst leiten zu lassen, oder, wenn uns diese nicht bekannt sind, von der Theorie der Grundgüter“211. Nach Rawls erteilen die Parteien ihre Zustimmung nicht im realen Leben, sondern schon im Voraus unter den idealisierten Bedingungen des Urzustands.

Durch diesen Kunstgriff können alle paternalistischen Handlungen sozusagen nach dem Muster der Geschichte von Odysseus interpretiert werden, welcher sich von seinen Gefährten festbinden liess, um nicht dem Locken der Syrenen zu erliegen. Odysseus stimmte im Voraus seiner eigenen Bevormundung explizit zu.212 Diese Willensbekundung kann, kantianisch gesprochen, als Ausdruck von Odysseus’ autonomem Selbst betrachtet werden, während die anderslautenden Forderungen, die der festgebundene, von den Syrenen bezirzte Odysseus von sich gab, nicht als autonom gelten können. Liegt eine derartige ausdrückliche Zustimmung zur Bevormundung vor, kann sie im kantianischen Denken legitimiert werden.213 Vgl. Teil I, Kapitel 1.2.

Vgl. Gutmann 1980, 339f; Blustein 1982, 124f.

Rawls 1979, 281.

Vgl. Dworkin 1983, 29; Carter 1977, 136.

Dies wird etwa von Haley Richmond in Frage gestellt: „Although prior consent is held to be some form of permission to interference, it is not the case that we can assume that consent still holds some time after it has been given. The possibility that the individual might have changed their mind must be taken into account“ (Richmond 1998, 240f). Dieses Problem wird entschärft, wenn man sich die frühere Zustimmung als Vertrag vorstellt, den man mit anderen Personen eingegangen ist. Es ist eine Eigenheit Teil II 1 Paternalismus und Erziehung: Modelle der Rechtfertigung Während Odysseus’ Zustimmung im „realen Leben“ anzusiedeln ist, stimmen die Vertragsparteien bei Rawls in einem fiktiven Urzustand zu. Die reale Paternalisierung einer Person kann hier nicht damit gerechtfertigt werden, dass sie faktisch zugestimmt hat, sondern dass sie unter bestimmten idealen Bedingungen zustimmen würde. Rawls Rechtfertigung von Paternalismus beruht also auf der hypothetischen Zustimmung rationaler Personen. Eine solche Konzeption

der hypothetischen rationalen Zustimmung ist mit einigen Schwierigkeiten behaftet:

1. Sofern die Zustimmung rein hypothetisch und in keiner Weise an eine empirische Willensbekundung gebunden ist, stellt sich die Frage, ob diese eine paternalistische Handlung noch legitimieren kann. Die rechtfertigende Kraft des Zustimmungsprinzips erwächst ja gerade daraus, dass sich eine Person wirklich mit einem Akt der Bevormundung einverstanden erklärt.

Einer paternalisierten Person gegenüber kann die Bevormundung kaum dadurch gerechtfertigt werden, dass sie fiktiv zugestimmt habe.

2. Es muss befürchtet werden, dass unter Rückgriff auf eine rein fiktive Zustimmung mehr Bevormundung gerechtfertigt werden kann, als intuitiv angemessen erscheint. Hier besteht nämlich die Neigung, sich auf ein Ideal von Rationalität oder Autonomie zu stützen, dem nur wenige empirische Menschen gerecht werden. Empirische Menschen sind in der Regel nicht vollkommen rational und klug, und sie haben auch gar nicht den Wunsch, jede ihrer Handlungen von einer aussenstehenden Instanz unter Klugheitsgesichtspunkten überprüfen zu lassen.

Donald VanDeVeer erläutert dies an Hand einer überzeugenden Analogie 214: Ein durchschnittlich kompetenter Mensch steht vor der Wahl, selbst eine Schachpartie zu spielen, oder an eine paternalistische Maschine angeschlossen zu sein, die ihn davon abhält, unkluge Züge zu machen. VanDeVeer nimmt an, dass kaum jemand die zweite Option wählen würde, da Menschen gewöhnlich selbst spielen, und das heisst selbst entscheiden wollen, auch wenn sie die Partie dadurch verlieren könnten. Entsprechend würden die meisten Menschen es vorvon Verträgen, dass sie (unter normalen Umständen) weiterhin Geltung haben, auch wenn eine der Vertragsparteien sie momentan aufkündigen möchte. Wer einen derartigen „Paternalismus-Vertrag“ eingeht, tut dies gerade im Wissen darum, dass er es zu einem späteren Zeitpunkt bereuen könnte, ihn je unterschrieben zu haben.

Teil II 1 Paternalismus und Erziehung: Modelle der Rechtfertigung ziehen, in ihrem Leben bisweilen Fehler zu machen, anstatt sich an eine „Entscheidungsmaschine“215 anschliessen zu lassen, welche sie davor bewahrt.

3. Zudem besteht eine starke Tendenz, die Frage, welchen paternalistischen Akten eine völlig rationale Person zustimmen würde, unter Rückgriff auf eine substanzielle Theorie des Guten zu beantworten. So schreibt etwa Dworkin: „It is reasonable to suppose that there are ‘goods’ such as health that any person would want to have in order to pursue his or her own good – no matter how that good is conceived. That is an argument that is used in connection with compulsory education for children, but it seems to me that it can be extended to other goods that have this character“216. Diese auch von Rawls verfolgte Strategie, die im Übrigen dem traditionellen kantianisch-liberalen Denken widerspricht, lässt die Frage aufkommen, wozu das Prinzip der Zustimmung überhaupt noch nötig ist. Symptomatisch ist Gutmanns Interpretation von Rawls’ Ansatz. Sie scheint schlicht zu übersehen, dass Rawls mit dem Zustimmungsprinzip operiert. In vermeintlicher Übereinstimmung mit Rawls hält sie fest, dass das Zustimmungskriterium für die Rechtfertigung von Paternalismus gegenüber Kindern untauglich sei, da wir Kinder gewöhnlich nicht als rationale Wesen ansähen, und sie fährt fort: „Given the implausibility of basing paternalism toward children on consent, Rawls’ primary good standard provides an attractive alternative“217. Gutmann nimmt die Gütertheorie nicht als Ergänzung, sondern als Alternative zum Zustimmungskriterium und verlässt damit den Rahmen des kantianischen Denkens.





Diese Schwierigkeiten lassen es meiner Ansicht nach für Kantianer ratsam erscheinen, das Zustimmungsprinzip empirisch anzubinden. Dabei bieten sich zwei Möglichkeiten, die etwa von Rosemary Carter kombiniert werden: Die erste stützt sich (wie im Odysseus-Beispiel) auf die vorgängige faktische Zustimmung der paternalisierten Person, die zweite auf deren zu

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künftige Zustimmung.218 Während die erste Möglichkeit in Bezug auf die Rechtfertigung der

Bevormundung von Kindern kaum einen Nutzen bringt, erscheint die zweite vielversprechend:

„(P)aternalism towards the child has a good chance of meeting with the subsequent approval of his adult self, since with the development of his abilities and judgement he will probably see the wisdom of our interference“219. Gegen diese Argumentation wendet VanDeVeer ein: „If it is claimed that the interference is permissible if, and only if, subsequent consent occurs, then the permissibility of the interference is bizarrely contingent on chance occurences, for example, whether a lightning bolt terminates the life of the subject before a time at which he would consent“220. Würde die paternalisierte Person vorzeitig sterben, so wäre ihre faktische Zustimmung nie mehr einzuholen und der paternalistische Akt bliebe sozusagen „ungerechtfertigt“. Ein solches überraschendes Ereignis bezeichnet Carter als „arbitrary from a moral point of view“221; dennoch nimmt sie in der Folge Abstand von der Auffassung, Paternalismus müsse immer durch faktische Zustimmung gerechtfertigt werden. In einigen Fällen, so Carter, genüge eine „disposition to consent“222; über eine solche Disposition verfügt zum Beispiel jemand, der zustimmen würde, sofern er über eine bestimmte relevante Information verfügen würde. Damit nähert sich Carter der Theorie der hypothetischen Zustimmung an.

Den meines Erachtens wichtigsten Einwand gegen das Prinzip der künftigen Zustimmung formuliert Carter gleich selbst: „(T)hose paternalistic measures directed towards his child-self which an adult comes to approve of, will depend in part on what beliefs and attitudes his parents attempted to instill, and on how successful they were doing so“223. Eltern können durch Vgl. Carter 1977, 136.

Ebd., 141. Vgl. auch Dworkin 1983, 28: „Parental paternalism may be thought of as a wager on children’s subsequent recognition of the wisdom of the restrictions. There is emphasis on whatt could be called future-oriented consent – on what children will come to welcome, rather than on what they do welcome“.

Van DeVeer 1980, 193.

Carter 1977, 135.

Ebd., 136.

Ebd., 137. Vgl. auch Richmond 1998, 243.

Teil II 1 Paternalismus und Erziehung: Modelle der Rechtfertigung Erziehung darauf hinzuwirken versuchen, dass ihr Kind gewisse pädagogisch-paternalistische Massnahmen befürwortet.224 Zudem, so Carter, führten bestimmte Bedingungen des Aufwachsens dazu, dass die Wünsche und Einstellungen einer Person verzerrt – „distorted“225 – würden. Die faktische Zustimmung einer Person mit verzerrten Wünschen kann nach Carter Paternalismus nicht rechtfertigen. Auch hier muss sich Carter letztlich auf die hypothetische Zustimmung abstützen: Sie muss die Frage stellen, welchen Akten der Bevormundung eine Person zustimmen würde, wenn sie in ihrer Kindheit keine psychische Schädigung erfahren hätte.

Das Projekt, die Legitimation von Paternalismus auf faktische Zustimmung zu gründen, ist also – zumindest was die Frage des elterlichen Paternalismus betrifft – zum Scheitern verurteilt 226;

die Theorie der hypothetischen Zustimmung hat sich ebenfalls als unbefriedigend erwiesen.

Als vorläufiges Fazit kann festgehalten werden, dass die zweite der genannten kantianischen Strategien zur Rechtfertigung von Paternalismus die grösste Überzeugungskraft besitzt: Bezieht sich eine paternalistische Handlung auf einen Willen, der die praktische Identität der Person repräsentiert, so ist dies gravierender, als wenn die Erfüllung spontan auftretender Herbarts bekannte Aussage, wonach der Erzieher in der Gegenwart die Zwecke verfolgen soll, welche der Zögling „künftig als Erwachsener sich selbst setzen wird“ (Herbart 1964, Bd. 2, 27), unterliegt ebenfalls diesem Problem.

Ebd.

Dieser Ansicht ist auch Richmond (Richmond 1998, 246). Nach Richmond müssen zur Rechtfertigung von pädagogischem Paternalismus inhaltliche pädagogische Kriterien entwickelt werden, welche sich am kindlichen Guten orientieren (ebd., 247ff). Allerdings wendet sich Richmond gegen das Unterfangen, eine universale oder objektive Theorie des Guten zu entwickeln: „Rather than attempting to decide in advance what our children’s good should consist in, we should instead direct our efforts to bringing them up to reason well and to choose well (…). For example, in overruling the decision of a child to eat only sweets and ice cream, we will nevertheless tend to bias them to our own preferences in that the variety of foods offered will tend to reflect our own tastes. However, the notion of autonomy as an educational ideal offers the promise toward overcoming of this problem“ (ebd., 248). Es fragt sich, ob Autonomie hier als objektiver, universaler Wert im Rahmen einer Auffassung vom Guten anzusehen ist.

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Wünsche behindert wird. Im Folgenden wende ich mich der konsequenzialistischen Rechtfertigung von Paternalismus zu.



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